
In der Zentrale der Sicherheitskräfte herrschte mehr Aufruhr als in einem Schwarm giftiger Wraga-Braha. Die Männer, Frauen, Hermaphroditen und Mehrgeschlechtler unterschiedlichster Spezies liefen umher, sprachen in ihre Kommunikatoren und glichen ihre Daten immer wieder mit einem großen Datenschirm ab, der im hinteren Bereich schwebte. Milkam wurde aus den darüberlaufenden Zahlenkolonnen und Kartenausschnitten nicht schlau, aber er ahnte, dass all dies mit der bevorstehenden Ratssitzung in Verbindung stand. Es musste ein Albtraum sein, auf einem Planeten wie Adamant die Sicherheit der wichtigsten Politiker des bekannten Universums zu garantieren.
Aber er hatte im Moment seinen eigenen Albtraum zu bewältigen. Sein Erzeuger war tot, und der Angriff war auf keinen Fall zufällig erfolgt. Er blickte auf Sareil, dessen Körper zahlreiche Dellen und Beulen aufwies, im Gegensatz zu seinem eigenen jedoch auch weiterhin voll einsatzfähig war. Sein Geburtsmitling, immerhin der Chefingenieur des Raumhafens, hatte den Arm stillgelegt, damit er nicht ständig Hydrauliköl verspritzte, war nach dieser Aufgabe aber gleich wieder in sich versunken.
Milkam spürte seinen Schmerz und seine Hilflosigkeit wie einen schlechten Geschmack auf den Schleimhäuten.
Er legte ihm die Hand auf die Schulter und wollte eben versuchen, ihn zu trösten, als ein Schatten über sie fiel. Er blickte auf und war überrascht, einen Jasa Apokato vor sich zu sehen. Die Spezies hatte sich einen Namen gemacht, indem sie die besten Attentäter und Terroristen hervorbrachte, dieses gut zwei Meter große Wesen war an seinem feinen Gesichtsflaum und den Haaren am Unterleib deutlich als Geschor zu erkennen. Milkam war schon immer von den drei Geschlechtern der Jasa Apokato fasziniert gewesen und hatte Geschor für sich als Doppelgeschlecht definiert. Sie konnten Kinder austragen, gleichzeitig aber auch welche zeugen, wohingegen die anderen beiden Geschlechter nur das eine oder das andere konnten.
Die schlanke, feingliedrige Gestalt sah auf ein TRAD in ihrer Hand, hob dann den Blick aus großen, wasserblauen Augen und fragte: „Milkam und Sareil Girbal?“
Milkam nickte, erhob sich und reichte ihm die funktionierende Hand. Der Sicherheitsmann sah einen Augenblick darauf und schüttelte sie dann. Dabei nahm die Haut an seiner Hand, eigentlich milchigweiß wie der Rest des Körpers, für einen Augenblick das dunkle Graubraun von Milkams Roboterkörper an.
Der Jasa Apokato war bis auf einen Waffengürtel mit einer Laserpistole und seinem Sicherheitspass an einem Band um den Hals nackt. Als er sich jetzt vorstellte, formte sich jedoch auf seiner Brust ein Kebill-Namensschild: „Ich bin Sonderermittler K-9 Kkim.“
Wie bei den Jasa Apokato üblich beinhaltete sein Namen ein Atemholen und so klang es wie: „Ka – kim“
„Sonderermittler“, sagte Milkam und nickte dem Mann zu, der sich nun umdrehte und auf eine Tür jenseits des Chaos wies. „Gehen wir in ein Vernehmungszimmer, da ist es etwas ruhiger.“
Milkam nickte erneut, hielt dann aber kurz inne, um Sareil auf die Füße und dann hinter sich herzuziehen, während er dem Sicherheitsmann folgte.
Es gab Tumult im Eingangsbereich und Milkam sah über die Schulter. Ein nackter, blutüberströmter K’schigote mit flatternden Backensäcken wurde von vier kräftigen Sicherheitsmännern hereingeschleift.
„Wieder einer von diesen Drogensüchtigen“, kommentierte eine spindeldünne Menschenfrau an einem Getränkeautomaten, den sie in diesem Moment passierten.
„Das nimmt gar kein Ende mehr“, bestätigte ihre Kollegin, eine dickliche Grilbenierin, an der die weiße Kebill-Uniform etwas sehr straff saß.
Dann waren sie im Vernehmungsraum angelangt und Milkam schob Sareil auf einen Stuhl. Er lehnte für sie beide das Getränkeangebot des Sonderermittlers ab.
Der Jasa Apokato ließ sich seufzend auf den Stuhl ihnen gegenüber sinken und nahm den Tee entgegen, der ihm in diesem Moment von einem dünnen, kleinen Roboter auf sechs großen Gummirädern gebracht wurde.
„Entschuldigen Sie die Unruhe … der Rat“, erklärte er und rief dann ihre Aussagen auf seinem TRAD auf, um sie noch einmal zu überfliegen. Der Bildschirm war so programmiert, dass Milkam die Worte aus seinem Blickwinkel nicht lesen konnte.
Der Sonderermittler begann Fragen zu stellen, das Übliche: Feinde, was wollte Girbal auf Adamant, wie war ihr Verhältnis zu ihm, kannten sie die Angreifer und derlei mehr. Milkam antwortete wahrheitsgemäß und auch Sareil schien durch die Ansprache Kkims langsam wieder zu sich zu finden.
Je länger die Befragung dauerte, umso vertrauter kam Milkam der Sonderermittler vor. Die Stimme, die Gestik – all das erinnerte ihn an jemanden. Dabei war er sicher, Kkim nie zuvor getroffen zu haben. Vielleicht eine Ähnlichkeit zu einem Bekannten. Aber zu wem?
Eine halbe Stunde später erhob sich der Sicherheitsmann mit einem Nicken und einem traurigen Lächeln. „Ich werde mich persönlich um die Angelegenheit kümmern.“
Milkam erhob sich ebenfalls. „Vielen Dank. Sie halten uns auf dem Laufenden?“
Kkim nickte und schüttelte ihnen erneut die Hand. Jetzt erst erhob sich auch Sareil. „Sobald ich etwas finde, sind Sie die ersten, die es erfahren. Bleiben Sie bitte in Reichweite des Kommunikationsnetzes des Planeten, falls es weitere Fragen gibt.“
Milkam musterte den Sonderermittler nachdenklich. An wen erinnerte der ihn nur?
„Guten Tag, meine Herren. Und mein aufrichtiges Beileid!“, sagte Kkim, wobei das Mitleid nicht bis in seinen Gesichtsausdruck reichte, dann öffnete er ihnen demonstrativ die Tür, und der Lärm des Büros schlug ihnen wieder entgegen.
Sareil ging als erster hinaus, Milkam folgte und warf dem Jasa Apokato noch einen Blick zu. Der sah ihnen nach und runzelte die nackte Stirn, wodurch der dichte Flaumteppich auf seinem Gesicht Wellen schlug.
„Sag mal, Sareil, kam der Mann dir auch bekannt vor?“, fragte er leise.
„Die sehen doch alle gleich aus“, gab der nur missmutig zurück und wich im letzten Moment einem großen SulSchamo in weißem Schutzanzug aus, der auf jeder Schulter eine doppelläufige Druckkanone trug.
Milkam sah sich noch einmal um, aber Kkim hatte bereits die Tür geschlossen. Sehr merkwürdig …
Narbatur warf sich zur Seite, als sich der Schuss löste. Der betäubte Randalierer traf einen Stapel Bandagen und Tücher hinter ihm im Regal, die von dem grünen Laserstrahl sofort in Brand gesetzt wurden. Narbatur rollte sich hinter einer dritten Behandlungsliege ab und kam wieder auf die Beine. Als der Angreifer wieder in Sicht kam, stand Narjanka bereits neben ihm, holte aus und verpasste dem Mann einen wuchtigen Schwinger.
Der Kopf des Mannes ruckte herum, die Augen noch immer geschlossen, doch der Treffer streckte ihn nicht zu Boden, was den Hakhasu aus dem Konzept brachte. Er starrte den Menschen einige Augenblicke verwundert an, lang genug, damit der die Laserpistole auf Narjankas Brust richten konnte.
Narbatur ergriff das erstbeste, was er in die Finger bekam und schleuderte es nach dem noch immer mit geschlossenen Augen dastehenden Menschen. Es war eine schwere Elektrosäge. Doch kurz bevor das klobige Ding die Hand des Menschen traf, wurde es von einer unsichtbaren Kraft aus der Bahn geworfen und traf Narjanka hart im Gesicht. Der Hakhasu wurde nach hinten geschleudert. PSI, schoss es Narbatur durch den Kopf.
Das dumpfe Klatschen hallte durch den Raum, wurde dann aber vom erneuten Fauchen der Laserpistole übertönt. Der Schuss sauste keine Handbreit an dem zurücktaumelnden Sicherheitsmann vorbei in die Deckenpanelen.
Narbatur sprang vor, aber da schwenkte der Mann schon wieder zu ihm herum. Er sah, wie sich der Finger erneut krümmte.
Die Klone warfen sich plötzlich auf den Betäubten. Einer klammerte sich an den Unterarm und zwang die Waffe nach unten, einer landete auf seinem Kopf und brachte ihn aus dem Gleichgewicht, was der Dritte nutzte, um hinter ihm auf alle Viere zu fallen, so dass er über ihn stolperte.
Der Mann ging zu Boden, die Laserpistole flog durch die Luft. Narbatur hechtete nach ihr, aber sie prallte an einem der Tische ab und schlitterte durch den Raum von ihm weg.
Der Mann landete in einem Klonknäuel, doch im nächsten Augenblick wurden die drei hellblauen, kleinen Gestalten wie von einer Explosion von ihm heruntergeschleudert und der Bewusstlose kam wie von Fäden gezogen wieder auf die Beine.
Er wandte sich zur Tür, aber dort hatte Narjanka Stellung bezogen, die Waffe im Anschlag. Er wirbelte herum, wollte zum Lüftungsschacht springen, aber Narbatur erhob sich in diesem Moment mit der Laserpistole in den Händen und rief: „Keine Bewegung!“
Dichter Rauch füllte den Raum zunehmend aus und Narbatur spürte ein Kratzen im Hals.
Der Mann stand einen Moment reglos da, dann wirbelte er herum und nahm etwas von einem Wagen. Es summte, und Narjanka schoss. Der Laserstrahl fuhr in die Brust des Randalierers und ein rauchendes Loch entstand, aber der Mann bewegte sich weiter.
„Was bei allen Sternschnuppen?“, fluchte der Hakhasu und legte erneut an, aber da drückte sich der Mensch zwei flache, mit Griffen ausgestattete Scheiben an die Schläfen.
„Nein!“, rief Alpha, der sich eben aus einem Stapel leerer Kartons freistrampelte.
Doch es war schon zu spät. Ein lautes Knistern ertönte, als der Mann den Knopf an dem Gerät drückte.
Wird fortgesetzt …