Milkam starrte auf die heranstürmende Horde und fühlte sich wie gelähmt. Sie würden sterben, in einer schäbigen Seitengasse in diesem Sündenpfuhl, und er würde nicht einmal erfahren, warum.
„Sareil, kümmere dich um den Hakhasu, Milkam, halte mir die Vulbrina vom Leib. Mit dem Rest werde ich fertig“, rief Girbal und Milkam spürte das vertraute Prickeln, wenn sein Erzeuger die psionischen Kräfte heraufbeschwor. Ansatzlos wirbelten die ersten beiden Grilbenier herum und eröffneten das Feuer auf ihre Kameraden. Sareil holte Schwung, lief einige Schritte die Wand hinauf und fing den Hakhasu in der Luft ab, bevor er landen und seine Druckkanone abfeuern konnte. Das zusätzliche Gewicht des stabilen Roboterkörpers überlastete die Antigrav-Stiefel, die mit einem Kreischen den Geist aufgaben. Gemeinsam stürzten die beiden zu Boden.
Jetzt erst konnte Milkam sich von dem Anblick losreißen. Er rannte auf die Vulbrina zu, die nun elegant landete und schoss. Im letzten Moment warf Milkam den Kopf zur Seite, so dass der schimmernde Diffusorstrahl ihn verfehlte, aber der Lasertreffer brannte sich durch seine Schulter. Die Warnhinweise des Roboters wurden Milkam als unangenehmes Ziehen übermittelt. Nicht vergleichbar mit den Schmerzen einer wirklichen Verletzung, aber deutlich genug.
Milkam wollte die Arme heben, um die Frau anzuspringen, aber der rechte versagte den Dienst. Stattdessen stieß der Roboterkörper zischend eine Fontäne kochender Hydraulikflüssigkeit aus dem Loch in der Schulter, die sich als feiner Nebel auf Milkams Videoscanner legte und ihn blendete.
Er taumelte weiter, doch die Vulbrina war nicht mehr vor ihm. Stattdessen landete etwas mit unglaublicher Wucht in seinem Rücken und riss ihn zu Boden. Er rollte sich über den intakten Arm ab, aber das Gewicht der Angreiferin drückte seinen Kopf auf den Boden. Dabei wischte der feuchte Müll zwar das Öl von seinen Scannern, so dass Milkam wieder sehen konnte, aber gleich darauf wünschte er sich fast, er wäre weiter blind.
Der Hahkasu hockte auf Sareil, die Druckkanone achtlos neben sich am Boden, und drosch wieder und wieder mit den Fäusten auf das formbare Gesicht ein. Noch schnellten Sareils Gesichtszüge in ihre programmierte Form zurück, aber der Schädel wurde dabei so durchgeschüttelt, dass Sareil, der im Innern in seiner Nährlösung schwamm, sicher übel gegen die Wände geschleudert wurde.
Girbal stand, die aus kleinen Messingkugeln zusammengesetzten Hände erhoben, noch immer mitten in der Gasse. Zwei der Grilbenier lagen reglos am Boden, ein weiterer umklammerte seine Hand mit der Pistole, und versuchte sie daran zu hindern, ihm selbst ins Gesicht zu schießen. Der vierte feuerte auf Milkams Erzeuger, doch der Laserstrahl wurde von dem Messingkörper reflektiert und schlug in eine Wand ein.
Jetzt brüllte der einsäckige K’schigote herausfordernd und sprang, eine gewaltige Thermomachete aus einer Scheide an seinem Gefährt ziehend, in die Gasse.
„Hey, Schnecke“, zischte die Vulbrina und warf ihn auf den Rücken, stellte sich auf seinen funktionierenden Arm und beugte sich über ihn. Die Diffusorpistole richtete sich auf seinen Kopf, die Laserpistole auf seine Brust, und ihr dritter Arm mit dem Messer, legte sich an seinen Unterleib. Ihr schmales, hübsches Gesicht blähte sich auf, bis es ein Spiegelbild des unförmigen Gesichts von Milkams Roboterkörper war, auf dem ein spöttisches Lächeln lag.
„Hat es für einen richtigen Körper nicht gereicht?“, spottete sie und Milkam hörte das Summen der Waffen unnatürlich laut.
„Ich habe wenigstens einen Körper für mein Geld bekommen, und nicht Geld für meinen Körper“, gab Milkam zurück.
„Die Frau mit der Waffe beleidigen, eine dumme Idee!“, lachte die Vulbrina und stieß mit dem Messer zu. Die Klinge drang durch die Außenhülle in das Filtersystem der Nährflüssigkeit.
Milkam ignorierte den symbolischen Schmerz und wandte hilfesuchend den Kopf, aber es sah schlecht aus. Girbal hatte den letzten stehenden Grilbenier auf den K’schigoten gehetzt, aber der schwang seine Machete in weitem Bogen und köpfte seinen Kameraden gerade ohne mit der Nickhaut zu zucken. Girbals Hände zitterten bereits, und Milkam spürte, dass sein Erzeuger nicht mehr lange standhalten würde.
Sareils Gegner hatte den Spaß an der Drescherei verloren und legte nun mit der Druckkanone an, auf deren Seite der Ladestatus von rot zu grün wechselte.
„Sag auf Wiedersehen, Schnecke!“, forderte die Vulbrina und drückte ab.
Narbatur verdrehte hinter Narjanka die Augen und hob den Arm, um auf seinem Kommunikator die Zeit abzulesen. 27 Uhr 13. Noch eine Dreiviertelstunde, dann wäre ihre Schicht zuende, und so sehr er den riesigen Hakhasu mochte, heute ging der Kerl ihm auf die Nerven.
„Ich mein ja nur – sicher, es hat ein bisschen mehr gekostet, aber so ein Gravitationskompensator macht sich spätestens bei engen Flugmanövern bezahlt.“
Narjanka drehte sich zu ihm um und fragte: „Hörst du mir eigentlich zu?“
„Sicher“, log Narbatur und winkte Olianka vom Informationsstand zu. Sie hatten einmal eine feuchtfröhliche Nacht verbracht, aus der sich aber nicht mehr entwickelt hatte. „Tolle Ausstattung, tolle Farbe, toller Preis, toller Gleiter. Trifft es das so in etwa?“
Narjanka öffnete das große Maul zu einer Erwiderung, aber da erklangen aufgeregte Rufe aus dem Ringsegment vor ihnen.
Narbatur streckte sich, konnte aber über eine Gruppe menschlicher Kebil-Beamter inklusive Reiseführer hinweg nichts erkennen, die gerade den Infostand belagerten. Kurzentschlossen sprang er auf den Rand eines mit Adamantblumen bestückten Bottichs.
In diesem Moment flog ein untersetzter Mensch in Kebil-Uniform durch das Schaufenster einer kleinen Kneipe neben Zugangstor 14. Der Mann rollte aus wie eine weggeworfene Puppe, dann landete ein weiterer Mensch im Fensterrahmen, hielt sich ohne die Schnitte zu bemerken am mit Scherben besetzten Rand fest und rollte wie irr mit dem Kopf.
„Da vorne“, rief Narbatur seinem Kollegen zu und wies auf den Mann.
„Ich seh’s“, versetzte der deutlich größere Sicherheitsmann und stürmte los. „Platz da! Sicherheit! Aus dem Weg!“, brüllte er. Ein dürrer Kebil-Ingenieur mit wirrem Haar reagierte nicht schnell genug, blieb in der sich öffnenden Schneise stehen und wurde von Narjanka mit einem Schulterstoß in seine Kollegen gekegelt.
Narbatur stürmte hinterher und rief dem verwirrten Mann eine Entschuldigung zu. Dann konzentrierte er sich auf seine ihm innewohnende Kraft, ließ seinen Geist in seine Muskeln sickern und stärkte sie. Von dieser zusätzlichen Energie beflügelt, überholte er Narjanka, was diesem ein unwilliges Grunzen entlockte.
Kurz bevor sie den Angreifer erreichten, riss dieser eine Glasscherbe aus dem Rahmen und sprang auf den Boden, um nach einer verängstigten Vulbrina-Servicekraft zu hacken.
Narbatur hob seinen Arm, lud die Bogenschlagwaffe und kam schlitternd vor dem Mann zum stehen. Der stierte ihn aus blutunterlaufenen, boshaften Augen an und wandte sich nun dem neuen Opfer zu. „Waffe weg!“, forderte Narbatur und legte an.
Narjanka hielt sich nicht mit dem Protokoll auf, als er nun ebenfalls ankam. Er lief einfach auf den Verbrecher zu und trat ihm vor die Brust. Der Treffer warf den Mann mehrere Meter rückwärts durch die Luft und gegen die Wand der Kneipe, an der er abtropfte und zu Boden ging.
„Du redest zuviel“, sagte Narjanka mit einem zufriedenen Grinsen.
„Sagt der Mann, der mich seit sieben Stunden mit seinem neuen Gleiter vollblubbert“, gab Narbatur zurück und trat zu dem Randalierer, der mit geschlossenen Augen und einer Platzwunde an der Stirn am Boden lag. Er drehte sich zu dem Hakhasu um. „Der muss erstmal auf die Krankenstation!“
„Vorsicht!“, warnte Narjanka, aber da war es schon zu spät – Narbatur spürte eine Hand im Haar und die Glasscherbe legte sich ihm an den Hals. Gleichzeitig klang ihm das irre Lachen des Verbrechers im Ohr.
Wird fortgesetzt …
Tags: André Wiesler, Ratschlag
[...] ist der zweite Teil meiner Raumhafen-Adamant-Fortsetzungsgeschichte “Ratschlag” im Ulisses-Blog online [...]