Milkam starrte entsetzt auf Sareil, dessen eingedrückter Körper schlaff auf der Vorderradhaube des dreirädrigen Antigrav-Motorrads lag.
„Sareil!“, rief er und schüttelte den Kopf des Roboterkörpers, aber nichts geschah. Verzweifelt sah er von dem Fleck am Boden, der einmal sein Erzeuger gewesen war, zu seinem Mitgeborenen. Beide waren tot. Und das Schlimmste: Sareil und er hatten sich in den letzten Monaten nur gestritten. Wenn Saht weinen könnten, er hätte bittere Tränen in seine Nährlösung vergossen. Er hätte sich mit ihm versöhnen sollen, ihm verzeihen, doch jetzt war er nicht mehr. Sareil war fort!
Doch da glomm plötzlich das Licht in den Augen von Sareils Roboterkörper auf und er hob den Kopf.
Milkam sprang zu ihm: „Sareil, du lebst! Alles in Ordnung?“
„Girbal“, stammelte der Angesprochene und sein Körper richtete sich ruckartig auf.
Milkam beugte sich vor, halb zerrissen vom Schmerz um seinen Erzeuger und der Freude, dass Sareil noch lebte. Er rief: „Ich dachte, ich hätte dich verloren“ und wollte den formbaren Körper umarmen. Doch stattdessen ergoss sich ein Regen aus mittlerweile erkalteter Hydraulikflüssigkeit über sie beide.
Sareil drehte ihm das Gesicht zu, wischte sich mit einer Hand die Sensoren frei und sagte: „Girbal ist tot!“
Milkam nickte, schob aber die Verzweiflung und die Wut beiseite, um seinem Bruder zu helfen. Er hatte das Antigrav-Motorrad gerade zurückgesetzt, wobei der Leib des K’schigoten wie ein feuchtes Tuch zu Boden klatschte, da erklang hinter ihm das Surren eines Gleiters und eine Lautsprecherstimme: „Werfen Sie die Hände weg und heben Sie die Waffen.“
Milkam drehte sich verwundert um und sah einen Zweimanngleiter der Planetensicherheit, in schmuckem Kebil-Grauweiß. Er schwebte auf der Stelle und hatte Laserkanonen auf sie gerichtete, war aber zu breit für die Gasse.
„Ich meine: werfen Sie die Waffen weg und heben Sie die Hände!“, korrigierte sich der nervöse, junge Mensch auf dem Beifahrersitz. Der Pilot, ein Fleutar mit gezackten Wülsten und erkennbarem Übergewicht, verdrehte die Augen und setzte zur Landung an.
„Wir haben keine Waffen!“, rief Milkam und half seinem Bruder auf. „Und ich kann nur einen Arm heben.“
Der Fleutar stieg aus und seine grüne Haut schimmerte blasslila, weil der Schutzschirm über der bunten Stadt jetzt ein dunkles Blaurot annahm.
Der junge Mensch folgte eilig und zog seine Waffe, schob sich mit kleinen, scharrenden Schritten auf sie zu und warf immer wieder nervöse Blicke zu dem Fleutar, der in aller Seelenruhe eine Süßigkeit aus der Tasche zog und sich in den Mund steckte.
„Na, was haben wir hier?“, fragte er, als er die beiden Saht erreicht hatte, und Milkam erzählte es ihm.
Narbatur kam mit einem Zucken wieder zu sich, das ihn fast von der Behandlungsliege gerissen hätte. Narjankas riesige Pranke legte sich auf seine Brust und verhinderte den Sturz. „Ganz ruhig, Menschlein.“
Narbatur nickte dankbar und richtete sich auf. Er befand sich auf der Krankenstation. Neben ihm lag der Randalierer auf einem anderen Behandlungbett und ein sentralitischer Klon beugte sich gerade über ihn, um mit einem Scanner seine Werte zu messen. Das Licht des Bildschirms ließ die blassblaue Haut des künstlich erzeugten Wesens schimmern. Der kindliche Körper machte einen Schemel notwendig, um an den Patienten zu gelangen und die langen Fransen, die vor dem Mund des Klons herabhingen, lagen fast auf der Stirn des Gefangenen.
„Der böse Mann tut schlafen“, sagte eine helle Stimme neben ihm und als Narbatur zur Seite blickte, entdeckte er einen identischen Klon dort.
„Gamma“, korrigierte nun ein dritter, der um die Liege in Sicht kam und einen Dermaltransgressor in der Hand hielt.
„Es heißt: Der böse Mann schläft.“
„Ja, gut, Beta. Darf ich das machen?“, fragte der Kleine und lief aufgeregt zu seinem Pendant. Dabei sah Narbatur den griechischen Buchstaben Gamma, der groß auf den Rücken seines Overalls geprägt war.
„Das sind Alpha, Beta und Gamma“, erklärte Narjanka schmunzelnd. „Sie sind Berater des Kommandanten und manchmal vertreten sie Milkam.“
„Aha“, sagte Narbatur. Er wusste nie, wie er sich Klonen gegenüber verhalten sollte. Eigentlich verabscheute er die Idee, dass die Sentraliten diese Wesen als lebendige Datenbanken und künstliche Fachkräfte züchteten. Aber der Sternenrat hatte es genehmigt und die Klone selbst konnten ja auch nichts dafür.
„Ich will aber!“, quengelte Gamma und zog an dem Dermaltransgressor, den Beta nicht losließ.
„Geh, spiel mit deinen Antigrav-Bausteinen“, verlangte der und schob Gamma beiseite.
„Manno, nix darf ich“, beschwerte sich Gamma, trat gegen den Schemel, auf dem der dritte Klon, dann wohl Alpha, ins Schwanken kam, und ging in die Ecke, wo einige 3D-Bausteine schwebten. „Das sage ich Papa!“
„Was ist mit ihm?“, fragte Narbatur flüsternd und nickte zu Gamma hinüber. Das war der erste Klon, von dem er hörte, der auf einem kleinkindlichen Stand war.
„Lange Geschichte“, antwortete Alpha an Stelle des Hakhasu und sprang vom Schemel, während Beta den Transgressor ansetzte. „Das hier stellt den Mann einige Stunden ruhig.“
„War es wieder diese Droge?“, fragte Narbatur, massierte das letzte Kribbeln aus seinen Fingern und rutschte von der Liege.
„Wir haben noch keine Blutprobe genommen, aber es ist davon auszugehen“, sagte Alpha.
„Tolle Idee, dich selbst mitzuschocken“, höhnte Narjanka. „Und wenn er noch Freunde dabei gehabt hätte?“
„Oh, hat der große böse Hakhasu Angst vor ein paar Menschen auf Drogen?“
Narjanka schnaubte. „Wenn du das jetzt öfter vorhast, nehme ich eine Antigrav-Trage mit, du bist ganz schön schwer geworden.“
„Alles Muskeln“, gab Narbatur zurück.
„Ich nehme jetzt die Untersuchung vor, dann könnt ihr beiden ihn mitnehmen“, verkündete Alpha und Beta baute sich neben Narbatur auf. „Streitet ihr euch öfter?“
Narbatur sah verwundert zu dem kaum einen Meter großen Klon hinab. „Ständig“, sagte er mit einem Schmunzeln.
„Seid ihr schon lange zusammen?“
„Seit meinem ersten Tag auf dem Raumhafen“, berichtete der Mensch.
„Und jetzt ist die erste Herzensglut vorbei, wie die SulShamo sagen, was?“, fragte Beta mitfühlend und legte Narbatur die eine und Narjanka die andere Hand auf den Arm. „Das wird schon wieder!“,
„Was?“, rief Narbatur entsetzt und beeilte sich zu versichern: „Nein, ich … wir sind kein Paar! Ich …“
Narjanka lachte und tätschelte ihm den Kopf. „Wer weiß, was nicht ist …“
Narbatur wich zurück. Die Hakhasu hatten in der Regel kein Problem mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen, aber Narbatur war sicher, dass Narjanka ihn nur aufzog. Oder?
In diesem Moment flog die Laserpistole aus dem Holster des Hakhasu, landete in der Hand des ohnmächtigen Randalierers und richtete sich schwankend auf Alpha.
Der Klon machte keine Anstalten auszuweichen, sondern stammelte: „Das kann nicht sein! Der Kerl ist völlig abgeschossen!“
Tatsächlich waren die Augen des Liegenden geschlossen, dennoch glitt er jetzt von der Liege, richtete sich auf und die Pistole schwenkte auf Narbatur herum. Betäubt oder nicht … er würde schießen!
Wird fortgesetzt …
Tags: André Wiesler
[...] schon ist auch der vierte Teil meiner Raumhafen-Adamant-Fortsetzungsgeschichte “Ratschlag” im Ulisses-Blog online [...]
[...] sind im Vorfeld der RPC auch Teil vier und fünf der Raumhafen-Adamant-Fortsetzungsgeschichte “Ratschlag” im Ulisses-Blog online [...]