Narbatur ließ die Waffe sinken, als der Mann, den Kopf zwischen zwei aufleuchtenden Scheiben, die er sich selbst an die Schläfen drückte, einige Male zuckte und dann wie ein nasser Sack hinter einer Behandlungsliege in sich zusammenfiel.
Alpha schlitterte zu ihm herüber, während Narjanka den Feuerlöscher von der Wand riss und das kleine Feuer löschte. Der Klon untersuchte den Mann kurz, dessen Augen noch immer geschlossen waren. Dann schüttelte er mit bebenden Mundfasern den Kopf. „Er ist tot.“
Narbatur ging ebenfalls hinüber. „Was ist das für ein Gerät?“
„Ein Entmaterialisierer. Man benutzt ihn, um Gewebe zu verflüssigen, Krebszellen beispielsweise oder Knochen, die falsch zusammengewachsen sind. Auf Stufe vier kann man damit Gliedmaßen amputieren.“
Narbatur blieb, von einer bösen Ahnung befallen, stehen. „Auf welche Stufe hat er es gestellt?“
Der Klon seufzte leise und sagte: „Zehn.“
Narbatur beschloss, dass er die Leiche nicht sehen musste.
Narjanka drückte ihm den Feuerlöscher in die Hand, ging um die Liege herum und pfiff durch die Zähne. „Das nenne ich mal eine glatte Rasur.“
Narbatur stützte sich auf der anderen Liege ab und schüttelte leicht den Kopf. „Warum sollte er das tun? Er hat sich doch praktisch schon erschießen lassen.“
„Drogen“, sagte Narjanka und zog den zweiten Klon, Gamma, aus einer Sammelkiste für schmutzige Kittel. Der kleine Mann hatte eine Hose über dem Kopf und jauchzte, als der Hakhasu ihn abstellte. „So etwas richten Drogen mit einem an. Apropos: Ich brauche jetzt erstmal einen Kehlensprenger.“
Narbatur musterte den Hakhasu nachdenklich. Ein PSI-begabter Mensch auf Drogen, der im wahrsten Sinne des Wortes kopflos agiert. Da stimmte etwas nicht.
„Oh nein“, sagte Narjanka und trat zu ihm. Zwischen ihnen fiel Beta auf die Behandlungsliege, der seinen Flug durch die Luft an der Deckenlampe gestoppt hatte.
„Was, nein?“, fragte Narbatur.
Der große Sicherheitsmann seufzte, legte ihm einen oberschenkeldicken Arm um die Schulter und sagte: „Ich kenne diesen Blick. Er bedeutet Überstunden!“
Milkam stand auf, als Kommandant Gosen in schnellem Schritt in sein Büro kam. Von der pompösen, verspielten Atmosphäre, die hier beim ehemaligen Kommandanten Bethel geherrscht hatte, war nichts mehr geblieben. Die neue Einrichtung war ein Spiegelbild des Fleutar selbst: schmucklos, direkt, funktional.
„Was kann ich für euch tun?“, fragte Gosen ohne Begrüßung. Er wirkte noch angespannter als sonst, war noch sehniger geworden und seine eigentlich leuchtend gelben Hautwülste hoben sich kaum noch von der grünen Haut ab. Trotzdem strahlte seine Haltung Vitalität und Energie aus, als er jetzt vor seinen Schreibtisch trat, sich dagegen lehnte und die Arme verschränkte. Als der Ärmel seiner makellosen Uniformjacke zurückrutschte, offenbarte sie einen kleinen Schnitt. Offenbar hatte Gosen es mal wieder beim Training übertrieben und war verletzt worden. Sein forschender Blick schweifte über Sareil, der noch immer vorgebeugt auf dem Besucherstuhl saß, und er hob fragend eine Augenbraue.
„Unser Erzeuger wurde ermordet“, sagte Milkam gerade heraus. „Und ich … wir glauben nicht, dass die Sicherheitskräfte des Planeten sich der Sache in angemessenem Rahmen annehmen werden.“
Gosen musterte ihn einen Augenblick länger, dann drehte er sich um und ging hinter seinen Schreibtisch. „Ich lasse mir die Akten schicken.“
Milkam nickte dankend, dann setzte der Kommandant nach: „Aber ich kann nichts versprechen.“
Es sah dem Fleutar gar nicht ähnlich, solche Einschränkungen zu machen und Milkam öffnete den Mund, um nachzufragen, aber Gosen sprach bereits weiter, während er einige Tasten an seinem Kommunikationsgerät drückte: „In Kürze habe ich hier hundert hochrangige Politiker, ihre Entourage und ein paar Tausend Reporter aller Spezies herumlaufen. Es tut mir leid, dass euer Erzeuger …“
Das Gerät piepste und Gosen blickte auf den Bildschirm, fuhr dann fort: „Opfer einer kriminellen Straßenbande geworden ist.“
„Das stimmt nicht“, mischte sich Sareil empört ein und sprang auf. „Die wollten ihn umbringen! Weil er die Wahrheit kannte!“
Gosen warf dem Ingenieur einen verwunderten Blick zu. „Die Wahrheit worüber?“
Sareil hob die Hände, ließ sie dann aber wieder sinken. „Das wissen wir noch nicht.“
Milkam kam ihm zur Hilfe: „Aber das war kein Raubüberfall. Diese Leute wollten Girbal töten! Genau ihn. Vermutlich hat jemand sie angesetzt.“
„Hm“, machte Gosen und warf einen erneuten Blick auf den Bildschirm, las etwas und stand dann ruckartig auf. „Wie gesagt, es tut mir leid. Wenn das hier wirklich ein Auftragsmord ist, werden die Sicherheitskräfte auf dem Planeten sicher eine Spur finden. Sonderermittler Kkim ist ein hervorragender Mann … Ermittler. Ich muss jetzt leider los. Haltet mich auf dem Laufenden.“
Damit wandte er sich ab und verschwand wieder durch die Tür. Milkam sah ihm wie von einer Antriebsentladung getroffen nach. Gosen hatte sich noch nie so aus der Affäre geschlichen. Da stimmte doch etwas nicht!
„Er wird uns also nicht helfen“, resümierte Sareil und ließ sich wieder auf den Stuhl sinken.
„Das wollen wir doch mal sehen!“, sagte Milkam und stürmte hinter dem Kommandanten her.
Alpha musterte den kopflosen Leichnam und sah dann zu Beta hinüber, der eben die Ergebnisse der Blutprobe ablas: „Keine Drogen. Ein bisschen Alkohol, und natürlich die Beruhigungsmittel, aber das ist schon alles.“
„Seltsam!“, sagte Alpha und ließ seine Augen nachdenklich über den Toten schweifen. Er hatte keine Schmerzen gespürt, war trotz mehr als ausreichender Betäubung herumgelaufen, obwohl seine Muskeln dazu eigentlich gar nicht in der Lage hätten sein dürfen.
„Hat der Mann Aua?“, fragte Gamma kleinlaut vom anderen Ende des Raumes, wo er auf dem Boden saß und einer kleinen, ausrollbaren Klaviatur schräge Töne entlockte.
„Der Mann ist tot, Gamma“, erläuterte Beta.
Gamma hob den Blick und sein Gesicht verzog sich zu einer mitleidigen Fratze. „Der Arme!“
Beta nickte. „Ja, der Arme.“
Alpha nahm einen Scanner zur Hand und sah sich die inneren Organe des Mannes an. Auch hier kein Hinweis auf eine krankhafte Veränderung. Der Sicherheitsmann hatte von PSI gesprochen, bevor er und sein Kollege aufgebrochen waren.
„Aber wenn man ohnmächtig ist, kann man kein PSI anwenden“, sagte er in den Raum.
Beta nickte. „Zumindest als Mensch nicht“, schränkte er ein.
„Vielleicht ist er gar kein Mensch“, führte Alpha den Gedanken weiter. „Beta, schalte den Tiefenscanner ein. Wie sehen uns den Guten mal genauer an!“
„Er da?“ Narbatur wies auf einen für seine Spezies kleinen SulSchamo, der keinen Schutzanzug trug, aber als einziger auf der Baustelle auch keinen Helm. Er hielt ein gepanzertes TRAD hoch und bellte etwas in seinen Kommunikator.
Der Halb-K’schigote, den Narbatur angesprochen hatte, und der gerade dabei war, ein dickes Rohr mit einer Lasersäge zu zerkleinern, nickte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Er war ein verstörender Anblick, denn sein Gesicht war beinahe menschlich, abgesehen von den beiden kleinen Hautsäcken und der fehlenden Nase.
Narjanka nahm den Fingerzeig auf und ging auf den Vorarbeiter zu. Narbatur folgte ihm und versuchte sich einzureden, dass sie nicht gerade 250 Meter über der Erde in einem halbfertigen Wohnhochhaus in der Smaragdstadt standen – auf provisorischen Bodenplatten.
Der Hakhasu erreichte den SulSchamo und Narbatur beeilte sich, aufzuschließen. Die Luft war von Staub durchzogen und sogar sein Kollege musste die dröhnende Stimme heben, um über das Krachen, Knallen, Rauschen und Dröhnen der Großbaustelle gehört zu werden.
In der Nähe des SulSchamo war die Luft einige Grad wärmer und unmittelbar über der Haut des Vorarbeiters flackerte sie sogar. Kein Händedruck zur Begrüßung, nahm er sich vor und wartete, bis der SulSchamo letzte Anweisungen in seinen Kommunikator gerufen hatte und sich ihnen zudrehte.
„Was gibt’s?“, fragte der Mann mit knurriger Stimme. Er war kaum größer als Narjanka und für einen Mann seiner Spezies beinahe zierlich. Er schätzte ihn auf 210 bis 230 Kilogramm.
„Wir würden gerne kurz mit Ihnen sprechen. Es geht um Karma Polzek“, leitete Narjanka das Gespräch ein.
„Was hat der Mistkerl angestellt? Sollte seit fünf Stunden hier sein und die Wasserleitungen verlegen.“ Der Vorarbeiter winkte einer jungen Grilbenierin, die mit einigen schimmernden Platten auf einer Antigrav-Plattform vorbeikam. Sie hielt das Gerät an und trat zu ihm.
„Bring die in den vierzigsten Stock runter.“
Die Frau nickte ernst. Sie trug deutliche, geschwungene Linien im Gesicht und auf den nackten Armen, was darauf hindeutete, dass sie eher wenig von Spaß hielt. Asketische Grilbenier entwickelten diesen Körperschmuck automatisch, wenn sie nur lang genug ein langweiliges Leben führten.
Als sie wieder verschwunden war, sagte Narbatur: „Er ist tot.“
Der Vorarbeiter ließ das TRAD sinken und sah sie an. Nach einer ganzen Weile sagte er: „Wundert mich nicht.“
„Warum ist das so?“, fragte Narbatur geduldig. Er hatte genug SulSchamo verhört, um zu wissen, dass sie gerne etwas langsam waren.
„Man wusste in den letzten Tagen nicht, woran man bei ihm war. Mal total gut drauf, dann wieder motzig und gereizt. Hat ihn einer in der Bar totgeschlagen?“
„So ähnlich“, räumte Narbatur ein. „Wissen Sie, woher …“ Er musste sich unterbrechen, weil eine große Maschine im Hintergrund gerade anlief und einen Lärm machte wie eine ganze Staffel startender Planetenhüpfer. Der SulSchamo winkte mit dem TRAD, bis er die Aufmerksamkeit des dicklichen Menschen im Unterhemd erregt hatte, der das riesige Monstrum bediente, und zog sich den klobigen Daumen über den nicht-existenten Hals. Die Maschine verstummte.
„Haben Sie eine Idee, woher diese Stimmungsschwankungen kamen?“
Der SulSchamo sah ihn einige Augenblick an, dann schüttelte er den Kopf: „Sehe ich aus wie eine Vulbrina?“
Narjanka lachte auf: „Beim besten Willen nicht!“
„Warum sollte er sich dann bei mir ausheulen?“
Narbatur nickte und wartete, hob beruhigend die Hand, als Narjanka ihn fragend ansah. Schließlich grollte der Vorarbeiter: „Aber sprecht doch mal mit Njestowska, an der Bauspritze. Mit der hing er in der letzten Zeit immer zusammen.“
Der Vorarbeiter wies auf den hinteren Bereich des Stockwerks und Narbatur folgte seinem Blick gerade rechtzeitig, um die riesige Baumaschine zu sehen, die sich donnernd den Weg durch drei mannsdicke Träger bahnte. Ihre Vorderseite bestand aus einer großen, mit stählernen Zähnen bedeckten Walze, die den Beton zu kleinen Brocken zermalmte, und sie hielt direkt auf sie zu.
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