Alpha sah vom Tiefenscanner auf und traf Betas Blick, der in diesem Moment den Ingenberg-Rrafful-Spektrographen sinken ließ.
„Ist das das, was ich glaube?“, fragte er und Beta nickte.
„Was hat ein nicht-menschliches Hormon in menschlichem Blut zu suchen?“, stellte Alpha die nächste logische Frage.
Beta sah sich die farbige Auflösung des Spektrographen erneut an und zuckte dann hilflos die Schultern. Im Hintergrund sah er Gamma aus Reagenzgläsern und Verbandsklebeband kleine Häuser bauen.
„Es sieht aus, als wären das Überreste eines Abbauprozesses. Von welcher Spezies stammt das Hormon?“
Beta schaltete die zentrale Kebill-Datenbank zu und aktivierte einen Abgleich. Durch die große Zahl an Grenzzeittransmissionen im Vorfeld der Ratssitzung waren die Kommunikationsphalanxen der Station jedoch gnadenlos überlastet und die Daten trafen nur Stückchenweise ein.
„Jetzt heißt es warten“, verkündete Alpha und machte es sich auf dem Stuhl bequem.
„Erdbeben!“, rief Gamma begeistert und kurz darauf splitterte Glas.
Mo’krat zog einen der Antigravmonitore zu sich und wies darauf: „Wie es aussieht, hat Ihr Erzeuger es sehr eilig gehabt, nach seiner Ankunft auf der Station zum Planeten zu gelangen. Er hat sein Gepäck nie abgeholt.“
Milkam warf Sareil einen Blick zu, und der Roboterkörper nickte.
„Können wir die Sachen abholen?“, fragte Milkam den K’schigoten, der nickte und anfing, sich in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Fluten an Kebill-Formularen zu klicken, die dafür notwendig waren.
„Ich gehe davon aus, dass der Kommandant Sie zu mir geschickt hat?“, fragte er wie nebenbei, hielt aber kurz in der Bearbeitung inne.
„Gosen weiß, dass wir hier sind“, sagte Milkam. Das ist nicht mal gelogen, dachte er bei sich.
Mo’krat stieß ein amüsiertes Trillern aus und bearbeitete die Anträge weiter. „Sie müssen sich ja später mit ihm herumstreiten.“
Endlich piepste ein kleines TRAD auf dem vorgewölbten Bauch des Mannes, das er Milkam hinhielt. Sareil schnappte es ihm aus der Hand. „Damit können Sie das Gepäck in Besitz nehmen.“
„Danke“, sagte Sareil und machte sich auf den Weg zur Tür.
„Wie immer hervorragende Arbeit“, lobte Milkam noch, der wusste, dass Mo’krat förmlich nach Lob und Anerkennung lechzte. Tatsächlich brachte nun ein zufriedenes Gurren die Backensäcke des Mannes zum Schwingen und er sagte: „Gern geschehen.“
Milkam eilte Sareil nach, der bereits einige Meter Vorsprung hatte. „Warte auf mich!“
Sareil sah sich kurz um, schüttelte kurz missbilligend den Kopf, wurde dann aber langsamer. „Willst du dir nicht mal einen neuen Körper zulegen? Der ist ja wirklich erbärmlich.“
Milkam warf seinem Geburtsmitling einen langen Blick zu, spürte dann aber, dass er nur versuchte, ihn zu provozieren, um ein Ventil für seine Trauer und Wut zu finden. Darum sagte Miklam nur: „Halt die Klappe!“ drückte auf den Rufknopf des Fahrstuhls, der sie in den Ring und dort zur Gepäckbearbeitung bringen sollte.
Narbatur stürzte. Der Abstand zwischen der rettenden Kante und seinen Fingern wurde immer größer und die Erkenntnis traf ihn wie ein Laserschuss: Er würde sterben.
Da erschien plötzlich ein wunderschönes, menschliches Gesicht über ihm. Große, braune Augen, hellbraune Haut, volle, geschwungene Lippen und schwarze, wilde Locken, die von bunten Spangen einigermaßen gebändigt wurden. Die Frau landete mit einem Schnaufen mit der Brust auf der Kante und streckte ihm den Arm entgegen. Im letzten Augenblick umfassten ihre Finger sein Handgelenk und fingen seinen Sturz ab. Ein schmerzhafter Ruck ging durch seine Schulter und die Frau schrie kurz auf. Aber sie ließ ihn nicht los. Schnell griff er mit der anderen Hand nach und hielt sich an ihrem dünnen, aber durchtrainierten Arm fest.
„Auf drei!“, sagte sie durch zusammengepresste Zähne und nickte zur Seite. Dabei rutschte sie einige Zentimeter weiter über den Rand. Narbatur folgte ihrer Geste. Knapp zwei Meter unter und drei Meter neben ihm ragte ein Stützpfeiler hervor. Er schluckte und nickte.
„Eins, zwei“, zählte die Frau und Narbatur warf die Beine nach hinten, holte Schwung, und als sie in bei „Drei“ losließ, warf er sich nach vorne.
Er fiel erneut und für einen schrecklichen Moment sah es so aus, als würde er den Pfeiler verfehlen. Aber dann knallte er mit der Brust darauf, rutschte ein Stück und klammerte sich schwer atmend fest. Kurz erlaubte er sich, Luft zu holen, dann schwang er die Beine hinauf, lief den Pfeiler entlang und kletterte am Gerüst hinauf. Als er sich über den Rand schob, sah er Narjanka einige Meter entfernt. Kurz zeigte sich Erleichterung auf seinem Gesicht, dann spannte ein Lächeln die Lippen über die breiten Hauer: „Bist du fertig mit deinen Turnübungen? Wir haben hier noch zu tun.“ Seine Pranke wies auf eine stämmige Gestalt, offenbar ebenfalls ein Hakhasu, der bereits einige hundert Meter Vorsprung hatte und eben dabei war, in einen der Lastenfahrstühle am anderen Ende der Etage einzusteigen. Das war dann wohl der Bauarbeiter, der sie gerade umzubringen versucht hatte.
Narbatur nickte der Frau zu, die bereits wieder auf den Beinen war. Ihre schlanke, aber weibliche Gestalt steckte in einer Arbeiterhose mit zahlreichen Taschen und einer engen Schutzweste, bei der die obersten Knöpfe offenstanden, was ihr ein beeindruckendes Dekolleté verschaffte. Er nickte ihr dankbar zu und lief los, hinter Narjanka her. Doch zu seiner Verwunderung lief auch die Arbeiterin los und hielt mühelos mit ihm mit.
Der Aufzug mit dem flüchtigen Hakhasu verschwand nach unten und Narjanka blieb schlitternd am Rand der Bauplatte stehen. „Verdammt!“, rief er frustriert und sah sich nach einem anderen Weg nach unten um.
Narbatur blieb kurz an der Kante stehen, schätzte die Entfernung ab und sprang dann. Er hörte die erschrockenen Rufe einiger umstehender Bauarbeiter, dann landete er schwer auf dem Gitterdach des Fahrstuhls und klammerte sich daran fest.
Er konnte den Hakhasu unter sich kaum erkennen, aber an den Bewegungen war offensichtlich, dass er eine Waffe bereitmachte. Narbatur konzentrierte sich, ließ seine Kräfte aufwallen und leitete schwache Energie über das Gitter des Fahrstuhls in die Steuerelektronik. Der Fahrstuhl blieb mit einem lauten Krachen stehen und dann summte er wieder auf, während er nach oben fuhr.
Er hörte den Hakhasu unter sich in seiner Muttersprache fluchen und dann brannte sich ein Diffusorstrahl knapp neben Narbaturs Fuß durch das Dach.
„Hey!“, rief er empört und sprang an die Kante der wieder in Reichweite kommenden Plattform. Narjanka packte ihn am Arm und zog in einer fließenden Bewegung nach oben.
„Er ist bewaffnet“, sagte er trat beiseite. Auch Narjanka suchte hinter einem Pfeiler in Deckung und tatsächlich feuerte der verzweifelte Hakhasu einige Schüsse ab, kaum dass der Fahrstuhl oben angekommen war.
„Wie immer?“, fragte Narjanka und nach kurzem Zögern antwortete Narbatur: „Okay.“
Er sprang aus seiner Deckung, rief: „Hier bin ich!“, und warf sich sofort wieder zur Seite. Der Verbrecher schwenkte herum und stanzte mehrere runde Löcher in den Stahlträger. In der Zwischenzeit stürmte Narjanka vor, es gab ein lautes Krachen, und als Narbatur wieder auf den Beinen und auf dem Weg zum Fahrstuhl war, hatte der Hakhasu den Verbrecher bereits entwaffnet und holte zu einem wuchtigen Schlag aus.
Da fiel dem Bauarbeiter der Helm vom Kopf und offenbarte ein Hakhasugesicht, in dem die Hauer deutlich kleiner und runder waren. Auch die Gesichtszüge wirkten nicht ganz so borkig.
„Eine Frau“, sagte Narjanka verblüfft und schlug nicht zu. Den Moment des Zögerns nutzte die Hakhasu und trat ihm mit voller Wucht zwischen die Beine. Narjanka sackte mit einem entsetzten, schmerzerfüllten Keuchen in die Knie, doch als die Hakhasu aus dem Fahrstuhl hinauslaufen wollte, huschte die Bauarbeiterin vor, die Narbatur gerettet hatte. Sie sprang ab, hielt sich am Käfigrand des Fahrstuhls fest und rammte der Verbrecherin beide Stiefel ins Gesicht. Die Hakhasu wurde zurückgeworfen, krachte gegen das Gitter und glitt ohnmächtig daran hinab.
Die Frau landete, drehte sich mit einem Lächeln zu Narbatur um und hielt einen Daumen hoch. Narbatur kam zu ihr und sagte: „Noch einmal Danke!“
„Keine Ursache“, sagte sie mit einer fröhlichen, samtigen Stimme. „Ich helfe gern.“
Narbatur beugte sich kurz zu dem noch immer keuchenden Narjanka hinab und fragte: „Alles klar, Großer?“
„Leck mich!“, war die gepresste Antwort des Sicherheitsmannes, der jetzt vorsichtig die Hände aus seinem Schritt löste.
Narbatur trat zu der Hakhasu, deren Körperbau ähnlich massiv, aber etwas runder war als der seines Kollegen. Er drehte sie unter Mühen auf die Seite und legte ihr Handschellen an.
Dann ging er wieder zu Narjanka und half ihm auf die Beine. „Keine Sorge“, flüsterte er ihm zu. „Es bleibt unter uns, dass du von einem Mädchen verprügelt und von einem anderen gerettet wurdest.“
Bevor sein Kollege, der sich nun schwer an einer Säule abstützte, etwas darauf erwidern konnte, wandte sich Narbatur sich der Bauarbeiterin zu.
„Narbatur Segler, Sicherheitsmann K-6. Ich möchte mich im Namen meiner Behörde ganz herzlich bei ihnen bedanken“, sagte er, während er ihr die Hand hinstreckte. Sie schüttelte sie und schmunzelte.
„Ganz zu schweigen davon, dass Sie mir gerade das Leben gerettet haben! Vielleicht kann ich mich dafür mal revanchieren? Ich kenne da ein nettes, kleines Restaurant in der Perlenstadt, das ich …“
„Hör mit dem Flirten auf!“, grollte Narjanka sichtlich schlecht gelaunt und kam breitbeinig zu ihnen herübergestakst. In der Lage ihrer Genitalien waren sich Menschen und Hakhasu sehr ähnlich … und was die Empfindlichkeit anging offenbar auch.
„Ist das Njestowska?“
Die Bauarbeiterin nickte, noch immer schmunzelnd.
„Und Sie sind?“
„Gonzales, Tera Gonzales.“
„Terra wie … Terra?“, fragte Narbatur.
„Mein Vater hat einen seltsamen Humor. Ich kann vermutlich von Glück sagen, dass ich auf der Erde und nicht in der Kolonie Hässlichkind geboren wurde.“ Sie zuckte mit den Schultern und nickte zu der Hakhasu hinüber. „Was wird ihr denn vorgeworfen?“
„Sie meinen abgesehen davon, dass sie sich von ihrem weiblichen Pflichten entfernt hat und Männerarbeit verrichtet?“, fragte Narjanka wütend.
Narbatur legte seinem Kollegen die Hand auf die Schulter. „Das letzte Mal, dass ich in den Kebill-Gesetzen nachgelesen habe, gab es dafür keine Kennziffer.“
Er wandte sich Frau Gonzales wieder zu und sagte: „Das ist Bestandteil einer laufenden Ermittlung. Ist ihnen denn etwas aufgefallen, Frau Gonzales?“
„Sagen Sie Tera. Sie meinen abgesehen davon, dass sie Drogen verkauft hat?“ Auf ihren vollen Lippen lag noch immer das gleiche Schmunzeln.
Narjanka schnaubte empört auf.
„Ist das auch Männerarbeit?“, fragte Tera mit hörbarem Spott in der Stimme.
„Pass mal auf, dass ich dich nicht wegen Mitwisserschaft auch noch einloche“, grollte der Hakhasu und nahm eine drohende Pose ein.
„Narjanka, komm schon, entspann dich“, mahnte Narbatur und führte die junge Frau ein Stück zur Seite. „Er ist ein schlechter Verlierer, aber eigentlich ein guter Kerl. Vielleicht geben Sie mir Ihre Kommunikationsnummer, dann melde ich mich, wenn wir noch fragen haben.“
Tera legte ihm den Hand auf den Oberarm und beugte sich vor, um ihm ins Ohr zu flüstern: „Sie sollten ihrem Freund mal ein bisschen Benehmen beibringen.“ Ihr Atem strich an seiner Wange entlang und roch nach Honig.
Dann richtete sie sich wieder auf und diktierte ihm ihre Nummer.
Der Vorarbeiter kam zu ihnen und sein ohnehin grimmiges Steingesicht war in noch tiefere Falten gelegt. „Hat einer von euch Spaßvögeln seinen Gleiter mitten auf der Baustelle geparkt?“
Narjanka riss den Kopf hoch und fragte besorgt: „Öh, kann sein. Unten, neben der Baubude?“
„Genau.“
„Ich flieg ihn gleich weg.“
„Das wird schwierig“, grollte der Vorarbeiter und wandte sich ab. „Die abgestürzte Baumaschine ist halb drauf gelandet.“
Narjankas langgezogener Schrei übertönte sogar das erneut einsetzende Donnern der großen Maschine.
