Raumhafen Adamant – Ratschlag 7

Juni 6th, 2010 von André Wiesler
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Milkam holte Gosen auf dem Gang ein, der aus dem zu Büros umgebauten alten Teil der Station zum neuen Teil hinüberführte. Durch die halbdurchsichtigen Türen am Ende konnte er auf den Ring sehen, auf dem sich ein Strom aus Reisenden und Angestellten vorbeibewegte.

Gosen bemerkte ihn, wurde aber nicht langsamer: „Gibt es noch etwas?“

Milkam spürte Wut in sich aufsteigen. Er packte Gosen an der Schulter und zwang ihn, stehenzubleiben. Der Kommandant sah mit ausdruckslosem Gesicht auf die Hand, die Milkam eilig zurückzog.

„Ganz sicher gibt es noch was. Mein Erzeuger ist umgebracht worden, und nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, habe ich gedacht …“ Er wusste nicht genau, was er gedacht hatte.

Gosen musterte ihn aus harten Augen, doch dann wurde sein Blick sanfter und er seufzte. „Gibt es denn Hinweise?“, fragte er matt und rieb sich die breite Nasenwurzel.

Milkam wollte schon verneinen, da fiel ihm ein: „Ein Bild.“

„Ein Bild?“, fragte Gosen.

„Ja, mein Erzeuger hat mir kurz vor seinem Tod ein Bild von einem Mann übermittelt … einem Fleutar.“

Sareil hatte sie nun auch eingeholt und trat neben sie.

„Das wird ja immer besser“, schnaufte Gosen, schmunzelte dann aber leicht und sagte: „Gut, gib mir das Bild, dann, lasse ich Mo’krat mal eine Suche danach starten.“

„Äh“, sagte Milkam und rieb verlegen mit der intakten Hand an seinem kaputten Arm. „Das Bild ist sozusagen nur in meinem Kopf.“
Gosen blickte ihn einen Augenblick starr an, dann seufzte er erneut. „Offiziell kann ich nichts machen, denn das fällt in die Rechtshoheit des Planetenkommandanten, sonst würde ich Segler rufen, damit er dir das Bild aus dem Kopf zieht. Aber ich lasse dir Zugriff auf unser Modellprogramm freischalten. So kannst du das Bild nachzeichnen. Und dann bringst du es zu Mo’krat.“

Milkam lächelte. „Danke.“

Gosen nickte stumm und drehte sich dann schwungvoll um, um davonzumarschieren.

„Ist Mo’krat nicht ein Frauenname bei den K’schigoten?“, fragte Sareil.

„Das fällt dir erst jetzt auf?“, fragte Milkam kopfschüttelnd und machte sich auf den Weg in sein Quartier.

„Armer Kerl“, hörte er Sareil noch hinter sich sagen.

Narbatur war einen Augenblick wie erstarrt, dann durchfuhr ihn der Schreck wie ein Blitz und er sah sich hektisch nach Deckung um. Natürlich fand er keine, zumindest keine, die der Baumaschine Stand gehalten hätte. Narjanka warf sich gegen den SulSchamo und seine Muskeln spannten sich unter seiner Uniform, während er den schweren Kerl aus der Gefahrenbahn stieß. Im letzen Augenblick sprang der Hakhasu ab und zog die Beine im letzten Moment weg, bevor die Baumaschine sie zermalmen konnte.

Er selbst hatte jedoch keinen Platz, um auszuweichen. Er stand praktisch mit dem Rücken zur Hausecke, nur dass dort noch keine Wände gebaut waren. Hektisch sah er sich um, während das Ungetüm auf ihn zuraste. Dann sah er die Rettung. Er lief los, auf die Maschine zu, stieß sich von einer Kiste mit Rohren ab und sprang an eine dicke Stromleitung, die unter der Decke hing. Er bekam sie mit beiden Händen zu fassen, doch da gab sie nach, glitt nach unten, und er mit ihr. Mit einem erschrockenen Keuchen zog er sich an der abspulenden Leitung hinauf, so schnell er konnte, rutschte aber immer weiter hinab. Als die Leitung endlich mit einem Ruck am Ende angelangt war und sein Gewicht hielt, baumelte er wenige Zentimeter über dem Boden und damit genau vor der Walze, die ihn in diesem Moment erreichte.

Narbatur sprang vom Boden ab, fand mehr durch Glück ein Stück der Walze, auf der sich kein Metalldorn befand, und stieß sich auch daran ab, so dass er am gespannten Seil nach oben schwang. Mit einem lauten Schrei fing er an, die Walze seitlich entlangzulaufen, rutschte dann aber auf einem Dorn aus. Er fiel vorwärts, bekam einen Fuß auf die dicke Metallgabel, in der die Walze hing, und sein Gesicht pendelte eine Handbreit vor der Masse aus unaufhaltsamen Stahlspitzen. Mit einem letzten Kraftakt zog er sich am Seil nach oben, lief an der Gabel entlang und auf den Sitz des Geräts.

Er atmete kurz durch, beugte sich vor, um das Gerät auszuschalten, aber jemand hatte sowohl Steuerrad als auch die Pedale herausgerissen. Funkensprühende Drähte waren alles, was von ihnen übrig war – und in diesem Moment kam die Maschine am Rand an. Die schwere Walze sackte nach unten weg und der Sitz krachte Narbatur in den Rücken, der mit dem Gerät nach unten gerissen wurde. Verzweifelt drehte er sich aus dem Sitz, stieß sich daran ab, lief über das Heck der fallenden Maschine und nahm seine Kraft für einen Sprung zusammen. Mit einem Schrei streckte er sich, um das Baugerüst zu erreichen. Seine Finger näherten sich dem Rand, doch dann war sein Schwung aufgebraucht. Zentimeter bevor er den Stahlträger fassen konnte, verwandelte sich sein Sprung in einen Sturz – 250 Meter bis zum Boden.

Milkam klopfte kurz an, dann drückte er die schwere Feuerschutztür auf, die in das Büro des Ressourcenmanagers führte. Sie hatten sich die Zeit genommen, die Sareil gebraucht hatte, um seinen Arm notdürftig zu reparieren, und so fiel es ihm etwas leichter.
Mo’krat war für einen K’schigoten sehr schmächtig und klein und auch seine Backensäcke waren wenig beeindruckend. Darum hatte man ihm wohl auch einen Mädchennamen gegeben, bei dieser sexistischen Spezies eine der größten Beleidigungen.
Der K’schigote saß wie meist in seinem bequemen Liegesessel, zahlreiche schwebende Antigrav-Monitore um sich herum in der Luft, TRADs auf dem Schoß und stets war der kleine, knubbelige Serviceroboter in seiner Nähe, um ihm irdischen Kaffee und Süßigkeiten zu reichen.

Nun sah Mo’krat auf, stieß einen überraschten Laut aus und zappelte mit den kurzen, dicken Beinen, um sich aufzurichten. Erst als das nach einigen Augenblicken keine Wirkung zeigte, fuhr er den Sessel in die aufrechte Position und sprang heraus, um Milkam und dann Sareil ausgiebig die Hand zu schütteln. „Was treibt Sie beide denn her?“

„Ressourcenmanager“, grüßte Milkam und bedeutete Sareil, die Tür zu schließen. Er folgt der Geste zögerlich und sein Gesicht verzog sich zu einem stummen Tadel. Es muss ihm besser gehen, wenn er schon wieder rumzicken kann, dachte Milkam grimmig.
„Kommandant Gosen sagte, Sie könnten uns vielleicht bei einer Suche behilflich sein?“

„Nichts lieber als das“, verkündete der K’schigote und wies den Roboter an: „Lo’mir, hol doch mal zwei Stühle.“

Milkam warf Sareil einen besorgten Blick zu. Mo’krat verbrachte offenbar viel zu viel Zeit allein hier, von wo er die Zuweisung der Energieressourcen auf dem Raumhafen steuerte. Er hatte dem nicht vernunftbegabten Roboter einen Frauennamen gegeben. Das war oft ein schlechtes Zeichen. Wenn er nun auch noch mit dem Raumhafen sprach, würde Milkam ihn mal für eine psychologische Untersuchung empfehlen müssen.

Während der Roboter zwei Klappstühle heranbrachte und bereitstellte, nahm der Manager wieder Platz in seinem Sessel. „Was suchen wir denn?“

„Einen Mann, der etwa so aussieht.“ Milkam reichte ihm das TRAD, auf dem er das Bild des Fleutar mit den kreisrunden Narben so gut es eben ging nachgearbeitet hatte.

„Aha“, sagte Mo’krat und überspielte die Daten, um dann auf zahlreichen Monitoren Fenster anzutippen und Befehle einzugeben. „Was hat er denn angestellt?“

„Das wissen wir nicht“, gab Milkam zu.

„Aber er ist ein Verbrecher?“

„Wissen wir auch nicht.“

Mo’krat blickte auf. „Warum suchen wir ihn denn?“

„Wissen wir auch ni…“

Sareil unterbrach Milkam barsch: „Geht Sie gar nichts an.“

Mo’krat blickte ihn beleidigt an. „Ich muss schon wissen, in welche Richtung ich suchen soll. Sonst dauert das ewig. Ich bin gut, aber so gut ist keiner.“

„Entschuldigen Sie meinen Bruder. Wir sind beide sehr aufgewühlt“, erklärte Milkam und warf seinem Bruder einen warnenden Blick zu. „Unser Erzeuger, Girbal, wurde heute auf dem Planeten umgebracht. Dieser Mann hat anscheinend irgendwie damit zu tun oder weiß etwas darüber.“

„Oh!“, sagte der K’schigote aufrichtig bestürzt. „Das tut mir aber leid.“

Kurz schwiegen sie, dann sagte er: „Wissen Sie, was mir immer hilft? Schokoladenkekse!“ Er wollte den Roboter herbeirufen, aber Milkam hob die Hand. „Sehr aufmerksam, indes …“ Er klopfte metallisch gegen den Kopf seines Roboterkörpers.

„Oh, natürlich, wie dumm von mir. Ich mache mich dann mal auf die Suche!“

„Endlich“, grummelte Sareil leise, als der K’schigote sich auf seine Programme stürzte. Minuten gingen ins Land, schließlich eine ganze Stunde. Endlich, als Sareil schon angefangen hatte, nervös auf- und abzugehen, sagte der K’schigote: „Also einen solchen Fleutar habe ich in keiner meiner Datenbanken, tut mir leid.“

„Unfähiger …“, begann Sareil, verstummte aber, als Milkam ihm auf den Fuß trat und so eine Rückkopplung in seinen Systemen auslöste, die sich ähnlich wie Schmerz anfühlte.

„Vielen Dank, dass Sie es trotzdem versucht haben“, sagte Milkam und wandte sich zur Tür.

„Aber ich habe etwas über Ihren Erzeuger herausgefunden!“

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