Ratschlag ist eine Fortsetzungsgeschichte von André Wiesler aus dem Raumhafen-Adamant-Universum und spielt vor dem Hintergrund des RAD-Rollenspiels. Sie stellt ein Sequel des RAD-Romans Die vergessene Schlacht dar und wird wöchentlich in diesem Blog fortgesetzt. Die vorhergehenden Episoden können hier eingesehen werden.
15
Alpha schüttelte noch immer verwundert den Kopf und lief, ohne auf die anderen Reisenden zu achten, durch den Ring des Raumhafens. Beta hielt Gamma an der Hand, der beständig versuchte, sich loszumachen und weitere Süßigkeiten bei den Standbetreibern zu schnorren. Sie passierten auf dem Weg zur technischen Abteilung einen der Pylone für große Passagierschiffe und eine Flut von unterschiedlichsten Fluggästen strömte aus den Schleusen. Im Nu waren sie von eiligen Mitgliedern verschiedenster Spezies umgeben.
„Ich muss irgendwas falsch gemacht haben“, seufzte Alpha und blieb stehen, um verwundert an der Flanke einer Luolmar hinaufzusehen, die ihre beiden quengelnden Kinder quer über dem Panzer trug. „Was ist denn hier los?“, fragte er und wedelte mit der Hand.
Bevor Beta antworten konnte, stieß der Scanner einen kurzen Signalton aus und alle drei Klone sahen auf das Anzeigegerät.
„Aha!“, sagte Alpha.
„Oho“, sagte Beta.
„Pieps!“, sagte Gamma und klatschte in die Hände.
Beta folgte der Richtung, in die der Scanner zeigte und musterte die Wesen dort. Alpha schwenkte den Scanner langsam umher, bis er erneut piepste. So vehement es ihnen bei den meist größeren Passagieren möglich war, arbeiteten sie sich durch die Menge und folgten der Duftspur, die der Scanner aufgenommen hatte.
Nach einigen Minuten waren sie aus dem gröbsten Pulk heraus und kamen schneller voran. Alpha schaltete das Piepsen aus, damit ihr Ziel sie nicht kommen hörte, und wurde schneller. Beta hatte Mühe, mit Gamma an der Hand nachzukommen, aber wenn sie ihren Bruder jetzt im Wust der Passagiere verloren, käme er vielleicht zu schaden. Bei diesem Gedanken stach ihm die Furcht wie ein Messer ins Herz. Sie alle waren bereits fast fünf Jahre alt und würden ihr vorgesehenes Todesalter bald erreicht haben.
Nicht jetzt, schalt er sich und schloss zu Alpha auf, der nun bestimmt auf einen hochgewachsenen, älteren Menschen deutete, der an einem Stand ein Getränk in einem Trinkbeutel kaufte. Er trug eine lange, stahlgraue Robe und das wenige Haar, das ihm noch in einem Kranz am Hinterkopf verblieb, hatte die gleiche Farbe. Er zahlte mit Adamantbereil und aktivierte die kleine Antigrav-Tasche wieder, die wie ein treuer Hund hinter ihm herfuhr.
„Der da ist es“, sagte Alpha und Beta sah dem Mann skeptisch hinterher. „Sieht mir nicht nach jemandem aus, der Drogen nimmt.“
„Das werden wir gleich herausfinden“, sagte Alpha und lief wieder los.
_______________
Milkam schreckte aus einem kleinen Schlummer hoch, als Mo’krat sagte: „So, jetzt kann’s losgehen.“
Der K’schigote hatte eine Analyse nach der anderen über die Daten auf dem TRAD laufen lassen, bis er sicher war, die Verschlüsselung knacken zu können.
Sareils Körper hatten sie derweil an die Energieversorgung der Station angeschlossen, um seine uralte Batterie zu laden, und sein Geburtsmitling schaffte es, auch ohne bewegliche Gesichtszüge sichtbar zu schmollen.
Milkam stand auf und trat zu dem K’schigoten. Sareil versuchte dasselbe, aber das dicke Kabel war nur einen Meter lang und hielt ihn an der Wand. Es brauchte einige Versuche, bis er mit den klammerartigen Händen den Stecker gelöst hatte.
Milkam ignorierte sein blechernes Motzen und sagte: „Dann los!“
Mo’krat aktivierte diverse Programme und die Buchstaben und Grafiken auf dem Bildschirm fingen an, zu wandern, sich zu verändern, heller und dunkler zu werden. Ein sehr beeindruckendes Schauspiel, auch wenn Milkam keine Ahnung hatte, was da geschah. Sareil offenbar schon, denn er rief jetzt: „Achtung, es destabilisiert sich!“
„Ich weiß“, gab Mo’krat barsch zurück und fing an, weitere Programme zuzuschalten.
„Das ist eine Negativschleife“, bellte Sareil.
„Ich weiß!“, grollte Mo’krat.
„Den Zwischenpuffer! Sie müssen den Zwischenpuffer …“
„Ich weiß!“, schrie Mo’krat nun so laut, dass seine Backensäcke bis zum Platzen gefüllt waren und Milkams Audiosensoren sich pfeifend überluden. Als das Geräusch nachließ, erstarben auf dem Bildschirm die letzten Zeichen.
„Was ist passiert?“, fragte er erschrocken.
„Unser Freund hier hat Mist gebaut, das ist passiert“, maulte Sareil und stapfte wütend auf und ab. „Er hat eine inversdestruktive Rückkopplungsschleife übersehen!“
„Nein, hat er nicht“, blaffte Mo’krat zurück. „Das war ein semiintelligenter Kolfato-Graumfleu-Virus mir integrierter Versus-Logik.“
Sareil blieb stehen und sein ausdrucksloses Robotergesicht wandte sich langsam dem K’schigoten zu. „Ein was?“
„Pah!“, gab Mo’krat nur zurück. „Laien.“
„Heißt dass, es ist alles weg?“, fragte Milkam betrübt.
Mo’krat gab ein stolzes Flöten von sich. „Keineswegs. Ich konnte einen Teil der Daten retten.“
Der K’schigote rief sie auf und Milkam starrte verwundert auf die Liste, die sich vor ihm ausbreitete. „Das kann doch nicht sein!“
_______________
Tera wich langsam von den Fässern zurück und bog hinter einige Kisten ab, die weniger explosiv waren. Narbatur folgte ihr, hielt dabei jedoch den Blick auf den Frachtgleiter gerichtet. Die Kisten wurden anscheinend achtlos abgeladen. Und hier war keine Spur von irgendeiner Drogenküche. War das hier nur ein Zwischenlager? Kam die Amokdroge vielleicht sogar von einem anderen Planeten? Bei den Mengen, die in letzter Zeit auftauchten, müsste das Zollnetz aber ein massives Loch haben. Wobei es durchaus vorstellbar war, dass eine großzügige Beteiligung am Gewinn ein solches Loch riss.
Er stieß mit dem Rücken gegen Tera. Obwohl – Tera war weder so groß, noch so schwer … und sie trug auch keine Panzerung!
Narbatur wirbelte herum und schlug sofort zu. Die Wache, die offenbar ebenfalls rückwärts gegangen war, drehte sich ebenfalls herum und somit direkt in seinen Schlag hinein. Der muskulöse Grilbenier taumelte und wollte seine Laserpistole hochreißen, aber da sprang ihn Tera an und entrang ihm die Waffe. Flugs glitt sie hinter ihn, presste den Lauf an die Schläfe des Mannes und legte ihm einen Arm um die Kehle. Er verfügte über keine einzige dunkle Markierung, was Narbatur verriet, dass er das Leben in vollen Zügen genoss. Hoffentlich hing er dann auch entsprechend daran.
„Keinen Mucks“, forderte Narbatur und rieb sich die Fingerknöchel. Der Verbrecher nickte langsam. Narbatur kam etwas näher und flüsterte: „Wo kommen die Drogen her?“
„Was für Drogen?“, fragte der Grilbenier, aber Narbatur brauchte kein PSI einzusetzen, um zu erkennen, dass er log.
„Erschieß ihn!“, befahl er Tera und erst als er es bereits gesagt hatte, befiel ihn die Angst, die Menschenfrau könnte glauben, er meine es ernst.
Aber sie zwinkerte ihm über die Schulter des Grilbeniers zu und sagte: „Okay.“
„Nein, halt!“, keuchte der Grilbenier. „Ich weiß nicht wo sie herkommen. Sie werden hier angeliefert, manchmal auch im Laden, und wir verteilen sie dann an die Zwischenhändler.“
„Reicht uns das?“, fragte Narbatur mit seinem fiesesten Lächeln.
„Nein“, beschied Tera und ließ die Laserwaffe kurz aufsummen.
„Ehrlich, mehr weiß ich nicht. Aber … aber es heißt, dass Taugrom die Drogen geschenkt bekommt. Von einem geheimen Gönner!“
„Geschenkt?“, fragte Narbatur. Er schüttelte den Kopf. Es half nichts, er würde den Verbrecher psionisch sondieren müssen. Einbruch und Geiselnahme hatte er schon auf dem Kerbholz, da kam es darauf jetzt auch nicht mehr an.
Er begann sich zu konzentrieren, sah dem verängstigten Mann tief in die Augen … und verlor eine Haarsträhne, als ein Laserstrahl knapp an seinem Kopf vorbeisauste und in eine Kiste einschlug.
„Sie haben uns entdeckt“, rief Tera erschrocken und hieb dem Grilbenier die Waffe ins Genick. Der Mann sackte zusammen.
„Ach was“, sagte Narbatur spitz und warf sich nach vorne, riss Tera mit, als hinter ihm das charakteristische Trillern eines abgefeuerten Schalldruckgewehrs erklang. Eine Flut tödlicher Schallwellen wälzte sich durch den Raum, ließ Kisten zu Splitter zerbersten, brachte Fässer zum Platzen und hielt genau auf sie zu.
