Ratschlag ist eine Fortsetzungsgeschichte von André Wiesler aus dem Raumhafen-Adamant-Universum und spielt vor dem Hintergrund des RAD-Rollenspiels. Sie stellt ein Sequel des RAD-Romans Die vergessene Schlacht dar und wird wöchentlich in diesem Blog fortgesetzt. Die vorhergehenden Episoden können hier eingesehen werden.
23
Narbatur erwachte, weil ihn eine zarte Hand an der Schulter schüttelte. Er schlug die Augen auf und bereute es sogleich. Die hellen Schlieren der Grenzzeit glitten wie Speere in seine Augen und ließen sie tränen. Aber wenigstens waren die Kopfschmerzen auf ein erträgliches Maß zurückgegangen.
„Wie lange war ich weg?“, fragte er.
„Vier Stunden“, erklärte Narjanka. „Wir sind gleich am Ziel.“
Narbatur rieb sich die Augen. „Dieses Ding hat auch noch einen Grenzzeitantrieb?“
„Ja, beeindruckend, was? Vielleicht kaufe ich mir als nächstes auch so einen.“
Narbatur sah zweifelnd zu dem Hakhasu hinüber, der ein Stück Armaturenbrett herausgebrochen hatte, um in der für ihn engen Fahrgastzelle die Beine ein wenig ausstrecken zu können.
„Naja, in Erwachsenengröße“, schränkte er nun ein.
„Wir sind da“, sagte Tera und steckte ihre Diffusorpistolen, die sie gerade überprüft hatte, wieder in den Tarnhalfter und reichte Narjanka seine Laserpistole, die er mit einem Nicken entgegennahm.
Die Grenzzeitschlieren wurden breiter, flackerten, als der Geterium-Antrieb das Zhagur in Grenzzeitenergie umwandelte und einen Weg in den Normalraum bahnte. Schlagartig hatte Narbatur den Eindruck, nur noch dahinzukriechen. Vor ihnen erstreckte sich ein gewaltiger, riesiger Gasplanet, dessen rötliche Schwaden wie Rauch unter einer Lampe durcheinanderwirbelten.
In diesem Moment wurde Narbatur sich der rot blinkenden Anzeigen gewahr. Der Gasplanet zog sie an! Er übte einen gewaltigen Sog auf ihr Schiff aus und ließ es, obwohl der Antrieb deaktiviert war, beständig schneller werden.
„Halt da mal gegen“, sagte Narjanka und Narbatur nickte, schaltete den Raumantrieb wieder ein und zuckte zusammen, als die Batterie mit einem lauten Knall und einem gleißenden Funkenregen ihren Geist aufgab.
„Das ist nicht gut“, sagte Tera und senkte die Hände, mit denen sie ihren Kopf vor den Funken geschützt hatte. Sie warf einen Blick über die Schulter, auf die schmorende Batterie. „Das ist gar nicht gut.“
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Gosen ließ das Raumschiff einige Zentimeter über dem Boden schweben, während Miklam, Sareil und die Klone hineinkletterten.
„Wir machen einen kleinen Ausflug“, erklärte der Fleutar, im Pilotensitz herumgedreht, während die Klone sich bereits wieder anschnallten und Milkam das Lasergewehr in die Waffenhalterung zurücksteckte.
„Einige Ratsmitglieder sind von einem der Hirnfessersaht entführt worden.“
Milkam schüttelte den Kopf: „Ich finde, wir sollten sie nicht so nennen“, sagte er und dann erst sickerte zu ihm durch, was Gosen gerade gesagt hatte. „Du willst sie verfolgen?“
Gosen nickte grinsend. „Ist mein Job!“ Damit drehte er sich wieder um und wollte das Schiff starten. Doch er erstarrte, als eine blecherne Stimme, untermalt vom Summen einer sich aufladenden Druckkanone, verlangte: „Keine Bewegung.“
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„Ja!“, rief Narbatur erleichtert auf, als der Scanner wieder zum Leben erwachte, doch dann ging er wieder aus. Mittlerweile hatte der Sog des Gasplaneten sie völlig im Griff und riss sie mit wachsender Geschwindigkeit auf sich zu.
Tera, die im hinteren Bereich des Gleiters hockte, fluchte und rief: „Nichts zu machen!“
„Wie, nichts zu machen?“, fragte Narjanka.
„Die ist hin. Ich kann dir Steuerdüsen geben, aber mehr nicht“, sagte Tera. Der Gasplanet nahm nun schon das gesamte Cockpit ein.
„Die Steuerdüsen reichen aber nicht, um dem Sog zu entkommen“, sagte Narbatur, der sich sehr zusammenreißen musste, um ruhig zu bleiben.
„Was ist das da drüben?“, rief Narjanka.
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Milkam drehte sich um und sah verwundert auf Sareil, dessen kleiner Roboterkörper die doppelläufige Druckkanone kaum halten konnte. Seine Klammerhände waren gerade eben klein genug, um den Abzug zu erreichen. Wenn Sareil die Waffe abfeuerte, würde der Ruckstoß seinen Körper an der Schiffswand zerschmettern. Aber der Schuss würde auch alle Passagiere in Stücke reißen!
„Sofort landen“, befahl Sareil.
Gosen wandte sich zu ihm um: „Hör auf mit dem Unfug, Sareil.“
„Landen! Oder ich schieße!“
Gosen warf Milkam einen Blick zu, der spürte, dass sein Bruder es ernst meinte. Darum nickte er unmerklich. Der Fleutar schnaubte wütend und landete das Raumschiff, schaltete den Antrieb aber nicht ab.
„Alle raus!“, forderte Sareil.
Milkam trat einen Schritt näher, was seinen Geburtsmitling veranlasste, die Waffe zu ihm herumzuschwenken.
„Was soll das, Sareil?“
Die blecherne Stimme knarzte einen Laut, den Milkam erst etwas später als Lachen erkannte. „Ich habe etwas erkannt, Milkam. Ich habe erkannt, was für einer unwürdigen Sklaverei wir uns unterwerfen, indem wir mechanische Prothesen anlegen.“
„Sareil. Was sagst du denn da? Girbal …“
„Girbal war ein alter Narr. Er glaubte an Frieden und Einigkeit. Aber so funktioniert das Universum nicht.“
Sareil schwenkte wieder auf Gosen um, der sich langsam aus dem Sitz geschlichen hatte und nun wieder erstarrte.
„Es gilt das Recht des Stärkeren. Und ich will einer von den Starken sein. Sieh mich doch an … ich muss in so einem Schrotthaufen hocken, obwohl ich mir jeden gesunden Körper nehmen könnte.“
„Das meinst du doch nicht Ernst“, sagte Milkam ungläubig.
„Raus jetzt!“, bellte Sareil und begann die Klammer langsam zu schließen und damit den Abzug zu ziehen.
„Du musst mich schon erschießen“, sagte Gosen und kam langsam auf Sareil zu, „bevor ich dir mein Schiff gebe.“
„Kannst du haben, Fleutar!“, sagte Sareil und drückte ab.
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Narbatur kniff die Augen zusammen und sah einen kleinen, schwarzen Punkt vor dem Rot des Planeten.
„Sieht aus wie eine alte Förderstation“, sagte Tera.
„Unsere beste Chance“, beschloss Narbatur und aktivierte die Steuerdüsen, um in die Richtung zu halten. Der Sog des Planeten war mittlerweile so stark, dass sie wie an einem Faden seitlich auf ihn zuflogen, obwohl er allen verfügbaren Schub einsetzte.
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Milkam hob die Hand und konzentrierte sich. Kurz bevor die Klammer sich soweit geschlossen hatte, dass die Waffe auslöste, griff er mit unsichtbaren Fingern nach dem großen Hauptschalter an der Seite des kantigen Roboterkörpers und schaltete seinen Bruder regelrecht aus.
Die Lichter in den runden Augen erstarben und die aus Vierecken bestehende Form sank in sich zusammen.
Gosen sprang sofort vor, entriss dem kleinen Roboter die Waffe, trat ihn um und legte die beiden großen Läufe auf das flache Gesicht.
„Nein!“, rief Milkam und fiel Gosen in den Arm.
„Stimmt“, sagte der und steckte die Waffe in die Halterung im Schiff. „Damit würde ich mir nur den Boden ruinieren. Stattdessen zog er seine Thermomachete und hackte den Kopf des kleinen Roboters ab, um ihn dann aufzuheben.
„Kleiner Mistkerl!“, zischte der Fleutar und schüttelte den Kopf dann kräftig.
„Das reicht“, mahnte Milkam, der selbst nicht übel Lust hatte, seinem verräterischen Bruder, der im Inneren des Kopfes in Nährflüssigkeit schwamm, ein paar Hiebe zu verpassen. Wie hatte er dem Mistkerl jemals vertrauen können?
Gosen nickte und warf Milkam den Kopf zu. „Du bist für ihn verantwortlich!“
Er nickte betrübt und bog einen Sensor des Kopfes so um, dass er ihn an eine Öffnung seines eigenen Körpers klicken konnte. Dann blickte er zu den Klonen hinüber. Sie sahen, alle drei nebeneinander angeschnallt, mit großen Augen zu ihm hinüber. Er hob verlegen die Hand und Gamma winkte begeistert zurück.
„So, jetzt schnappen wir uns die Hirnfressersaht!“, verkündete Gosen und ließ das Schiff starten.
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„Weiter nach rechts“, rief Narjanka und wedelte mit den riesigen Pranken seitlich, als könne der Luftzug das Schiff bewegen. „Nach rechts!“
Narbatur verkniff sich einen Kommentar. Er holte alles aus den Düsen heraus, was sie hergaben, aber es würde nicht reichen! Die Station war riesig, auch wenn der Planet sie klein erscheinen ließ, aber das nützte ihnen nichts, denn sie würden wenige Kilometer an dem äußersten Ausleger vorbeisegeln, um dann im Kern des Gasplaneten gekocht oder zerquetscht zu werden. Vermutlich beides.
Die Station wirkte wie eine Wanze, die am vorderen Ende eines diskusförmigen Körpers dem Planeten acht dünne Beine entgegenstreckte. Aus diesen Beinen sickerte ein steter Flammenstrom, mit dem sich die Station offensichtlich über dem Planeten an Ort und Stelle hielt. Die dunklen, vernachlässigten Strukturen machten aber nicht den Eindruck, als wäre die Station noch in Betrieb.
„Rechts!“, rief Narjanka erneut und lehnte sich zur Seite.
„Ich versuch’s ja!“, stöhnte Narbatur, dessen Nerven auch langsam versagten.
„Wir bräuchten einen läppischen Kilometer“, sagte Tera, die stumm mit den Fingern abgemessen und gerechnet hatte. „Einen Kilometer!“
„Das ist einer zuviel“, beschwerte sich Narjanka und grub seine Finger wortwörtlich in den Sitz.
Der Ausleger der Station war nun fast neben ihnen, wirkte aus der Nähe wie ein schwarzgrauer Ast. In wenigen Sekunden würden sie ihn passiert haben – und dann war es aus mit ihnen.
„Re-hechts!“, flehte Narjanka.
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Alpha tätschelte Milkams metallischem Körper die Schulter. Der Saht saß vornübergebeugt, den Kopf mit seinem Bruder darin im Schoß, und grübelte vor sich hin. Alpha ging nach vorne zu Gosen, um neben ihm auf den Copilotensitz zu klettern. Der Kommandant warf ihm einen ernsten Blick zu, sagte aber nichts.
„Was machen wir, wenn wir da sind, wo immer auch da ist?“, fragte Alpha und sah nach draußen auf die nebligen Schlieren der Grenzzeit.
„Wir befreien die Geiseln, fliegen zurück und enttarnen all die Hirnfresser.“
„Klingt nach einem guten Plan.“
Gosen sah ihn erneut an: „Habt ihr den Hirnfresserscanner noch?“
„HFS … gefällt mir“, sagte Alpha und nickte. „Beta hat ihn.“
„Gut. Wir dürfen keinem vertrauen, vielleicht haben sie die Ratsmitglieder doch schon infiziert.“
Alpha fiel etwas ein und er rutschte vom Sitz und nickte Beta zu, der nervös über Gammas Haar strich. Ihr Bruder war über die ganze Aufregung eingeschlafen und hatte den Kopf auf Betas Schulter gelegt. Im Schlaf murmelte er leise und dann schmatze er, als esse er etwas.
Alpha ließ sich neben Milkam auf dem Boden nieder und fragte: „Kann man die Hirnfresser eigentlich entfernen?“
Milkam nickte. „Ist eine komplexe Operation, aber solange man den Saht betäubt und verhindert, dass er sich dagegen wehrt, kann man es schaffen. Mit etwas Glück sogar ohne Folgeschäden.“
Alpha nickte. Immerhin etwas.
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Narbatur nahm dem Hakhasu seine Waffe ab, zog alle Energie von den Düsen ab und leitete sie in das Biosiegel um. Ihm blieb keine Zeit, zu überprüfen, ob der spezialisierte Schutzschild noch funktionierte. Der Ausleger der Station war jetzt fast unmittelbar neben ihnen, keine hundert Meter entfernt. Er hob die Waffe und schoss.














