Schicksalspfade: Ehrenschulden

Januar 24th, 2012 von Ulisses
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„Eine Dublone, dass sie nicht mehr kommen!“
Die raue Stimme des Gladiatoren legte sich wie das Fauchen eines Panthers über die Geräusche des Dschungels. Er lehnte an einer von Ranken und Wurzeln überwachsenen Mauer der Ruine und biss immer wieder von einer satt-roten Frucht ab, die auf den Klingen seiner Veteranenhand steckte. Dass ihm der Saft dabei über das Kinn lief und auf die Brust tropfte, machte ihm offensichtlich nichts aus.
„Den Einsatz halte ich“, erwiderte die junge Frau, deren Rabenschnabel und Panzer sie als Ordenskriegerin auswies. Das dunkle Metall schien die Sonnenstrahlen aufzusaugen, die ihren Weg durch das dichte Blätterdach fanden.
Was bisher als Schatten einer der eingebrochenen Zinnen oben an der uralten Mauer hätte gelten können, offenbarte sich mit einem geflüsterten „Ich auch!“, als versteckter Meuchler.
Lediglich die Boron-Priesterin machte mit einem tadelnden Kopfschütteln deutlich, dass sie sich an der Wette nicht beteiligen würde. Auf ihrem geschorenen Haupt zeigten Schweißtropfen, dass die Schwüle sogar ihr zu schaffen machte, die sie eine dünne Seidenrobe trug. Ihr ernstes Gesicht gab darüber jedoch keine Auskunft.
„Was bewachen wir hier noch gleich?“, fragte der Gladiator, schüttelte die Reste der Frucht von seiner Waffe und ließ die Klingen in den Panzerhandschuh zurückgleiten. Das Blut der Gegner würde den Saft abwaschen.
„Ein wichtiges Artefakt der Kirche“, antwortete die Kriegerin sofort und mit Ehrfurcht in der Stimme.
„Aha …“ Der Gladiator war offenkundig nicht sonderlich beeindruckt. Er war vorrangig wegen des Geldes mit von der Partie. „Und was für eins?“
Die Kriegerin öffnete den Mund, schloss ihn wieder und zuckte die Achseln.
„Und warum bringt man es nicht in einen Tempel, wenn es so wichtig ist?“
„Genug Worte!“ Man hätte erwartet, dass die Stimme der Priesterin brüchig oder heiser klänge, wo sie so selten zum Einsatz kam. Doch sie war melodisch und hell, wie der Ruf einer Nachtigall. „Sie kommen.“
Tatsächlich war jetzt das Krachen und Stampfen mehrerer Personen zu hören, die es nicht gewohnt waren, sich im Dschungel zu bewegen. Der Urwald war hier, auf den kleinen Südmeerinseln, noch ungezügelter als auf dem Festland.
Auf die stummen Gesten der Priesterin hin verbargen sich die beiden Kämpfer hinter einer eingestürzten Wand. Sie selbst lehnte sich an die abgewandte Seite einer Säule, die schon seit Jahrhunderten kein Dach mehr trug, und begann ein stummes Gebet.
„Da vorne muss es sein!“, erklang eine junge Stimme und wenig später trat der erwartete Stern der Reichsarmee auf den weniger dicht bewachsenen Bereich vor der Ruine. Er war nur vierstrahlig – vermutlich hatten sie einen Gefährten an die Wilden oder den Dschungel verloren. Der Meuchler wisperte von seiner erhöhten Position herab: „Ritter, Praios-Geweihte, Fähnrich … vermutlich Späher.“
Das leise Schnacken der Klingen, die sich aus dem Veteranenhandschuh schoben, war davon abgesehen das einzige Geräusch, das die Mitglieder der Hand Borons von sich gaben.
„Der Eingang ist dort. Wir müssen, wenn diese Überlieferungen stimmen … oh verdammt!“
Es brauchte kein Angriffssignal. Tiefe Dunkelheit legte sich über den Dschungel und vertrieb das dämmerig-grüne Licht. Sie preschten los. Durch Borons Segen sahen sie wie am helllichten Tag, während die Reichsarmee sich auf einen Kampf im Dunkeln einstellen musste. Doch offenbar hatte man sie für diesen Fall ausgebildet.
„Kreisformation!“, rief der Fähnrich und sie stellten sich Schulter an Schulter. Doch der Meuchler segelte einem Raben gleich durch die Luft, landete in der Mitte der Gegner und zog dem Fähnrich den Dolch über die Kehle. Noch bevor der Gegner röchelnd zu Boden gesackt war, sprang der Meuchler mit einem Salto über den Sterbenden hinweg und war außer Reichweite.
Der Ritter ließ seinen Bidenhänder in weiten Schwüngen kreisen und erwischte die Ordenskriegerin im Ansturm. Die Wucht des Treffers ließ ihren Brustpanzer klingen und warf sie zu Boden.
Der Gladiator erreichte den Späher und rammte ihm die Veteranenhand in den Bauch. Der Mann stöhnte auf, doch dann umfasste er mit zitternder Hand ein Amulett und rief: „Fulminictus!“
Der kräftige Mann schrie auf und taumelte wie von einer unsichtbaren Woge getrieben rückwärts. Mitten im Schritt versagten seine Kräfte und er sackte zu Boden. Sein Wimmern währte nicht lang, dann nahm Boron ihn gnädig zu sich.
Die Rabenkriegerin rappelte sich wieder auf und stürzte sich auf die Praios-Geweihte, doch mit einem Mal war ihre Robe zu einer gleißenden goldenen Rüstung geworden. Die wuchtigen Hiebe des Rabenschnabels glitten daran wirkungslos ab. Das sonnenhelle Gleißen der Rüstung und die borongefällige Dunkelheit rangen miteinander, was dem Ritter erlaubte, seine Gegner zu erkennen. Er holte mit dem Bidenhänder aus, um die Kriegerin zu spalten, aber da huschte ein dunkler Schatten an ihm vorbei. Der Ritter schrie auf, sein Schlag ging fehl und seine gepanzerte Hand zuckte zum Schlitz zwischen Helm und Brustpanzer im Nacken. Mit Gift vermengtes Blut sickerte über seinen Handschuh.
Die Kriegerin wandte sich ihm zu und warf sich mit vollem Gewicht, das Schwert vorhaltend, gegen ihn. Holz krachte auf Metall und der Ritter ging wie ein gefällter Urwaldriese zu Boden.
„Rückzug!“, befahl die Praiospriesterin. Nur der Späher folgte ihrem Befehl, die Hand auf die blutende Bauchwunde gepresst  – die anderen beiden Mitglieder der Reichsarmee würde der Urwald in sich aufnehmen, ebenso wie den Gladiator.
Die Boron-Priesterin nickte, als die Mittelreicher im Dschnungel verschwunden waren und sagte leise: „Zu deinem höheren Ruhm, Herr!“

Schicksalspfade? Mehr dazu finden Sie im Aventurischen Boten 151.

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2 Antworten zu “Schicksalspfade: Ehrenschulden”

  1. [...] anscheinend  zusammenhängenden Reihe “Schicksalspfade”. Diese tragen die Untertitel “Ehrenschulden” und “Fernab der Heimat”. Eine dritte mit dem Namen “Alle für einen, einer gegen [...]

  2. [...] schon gerätselt haben, welche Bedeutung die Kurzgeschichten mit dem Verweis Schicksalspfade haben (Ehrenschulden im Ulisses-Blog, Fernab der Heimat auf der Das Schwarze Auge-Website und Alle für einen, einer [...]