„Der ehrenwerte Taugrom lässt bitten“, sagte die unverschämt gut aussehende Vulbrina im Vorzimmer des Besitzers von „Taugroms importierte Delikatessen“, drehte sich um und offenbarte einen nicht minder tiefen Ausschnitt ihren Rücken entlang. Narbatur warf Narjanka einen skeptischen Blick zu und der machte eine große Geste: „Nach dir, ehrenwerter Narbatur.“
Der Mensch schnaubte und folgte der Vulbrina, die mit wiegenden Hüften vorging, durch eine große Tür in ein noch größeres Büro, das gerade durch seine spärliche, aber erkennbar teure Möblierung protzig wirkte. Ein Gemälde aus bunten Strichen und Flecken nahm eine ganze Wand ein, unter der eine riesige Sitzecke Platz fand. Doch sogar dieses Ungetüm wirkte gegen den Luolmar winzig, der wie ein gestrandeter Wal auf einer Stützbank ruhte. Ein Ausleger mit einem Kissen stützte den Kopf und den Hals, der sich neben dem unförmigen, fetten Leib beinahe ausmachte. Taugrom war sogar für einen Luolmar groß, mochte aufgerichtet fast drei Meter hoch sein, wobei Narbatur bezweifelte, dass er sich ohne Antigrav-Einrichtung erheben konnte. Seine vier Beine verschwanden unter herabhängenden Speckfalten und sein Rückenpanzer wirkte auf dem riesigen Leib eher wie ein Hütchen.
„Meine Herren“, sagte Taugrom in einem verschliffenen Translingus, wobei sich sein dreigeteilter Mund kaum bewegte. „Womit kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Der verspeist seine Importe wohl vorrangig selbst“, murmelte Narjanka etwas zu laut und Narbatur warf ihm einen warnenden Blick zu.
„Wir würden Ihnen gerne einige Fragen stellen“, sagte Narbatur und stellte sie beide vor.
In diesem Moment trat ein Fleutar hinter der gewaltigen Körpermasse des Luolmar hervor, nippte an einem milchigen Getränk in einem kleinen Glas und sagte: „Handelt es sich um eine offizielle Befragung?“
Sein Kopf wirkte auf dem dürren Körper wie eine runde Leitboje und der Eindruck wurde von den fast kreisrunden Narbenwülsten noch verstärkt, die sich hellgelb aus seinem mattgrünen Gesicht hoben.
„Es steht im Zusammenhang mit einer Straftat“, sagte Narbatur und hatte eine schlechte Vorahnung, die sich zu einem stummen Fluch verdichtete, als der Luolmar auf den Mann wies und sagte: „Darf ich vorstellen, Advokat Bomet, mein Rechtsberater.“
„Ich glaube nicht, dass ein Rechtsberater nötig …“, setzte Narbatur an, aber der Fleutar, der neben seinem wuchtigen Chef wie ein verhungernder Säugling aussah, unterbrach ihn: „Wir berufen uns auf die Kebill-Standardrechtsordnung, Befragungsstatuten, Unterabschnitt 14, ich zitiere: Einem jeden Angestellten des Kebill-Konsortiums und/oder Bewohners des anerkannten Kebill-Konsortium-Raums und/oder Passagiers eines Kebill-Konsortium-Schiffes steht es frei, bei jeder Interaktion mit offiziellem Kebill-Konsortium-Sicherheitspersonal auf die Beratung und/oder Vertretung durch einen vom Kebill-Konsortium akkreditierten und/oder lizensierten und/oder unter den Paragraphen 15 bis 17 des Spezies-Interaktions-Ermächtigungs-und-Förderungsgesetzes anerkannten rechtlichen Berater in Anspruch zu nehmen, wenn durch die Hinzuziehung keine unbotmäßige und/oder die Sachlage in Frage stellende Verzögerung entsteht oder Gefahr im Verzug ist.“
Der Fleutar hatte zwischendurch nicht einmal Luft geholt, leerte sein Glas, stellte es ab und fragte mit einem Lächeln, das altes Brot hätte schneiden können: „Da ich anwesend bin, dürfen wir eine solche Verzögerung wohl ausschließen?“
Narjanka grollte verärgert, aber Narbatur erwiderte das Lächeln gequält und räumte ein: „Sicher.“
Er wandte sich wieder an den Luolmar. „Herr Taugrom, wir haben Anlass zu der Annahme, dass Sie in Kontakt mit einer Hakhasu namens Sherin Njestowska stehen. Ist das richtig?“
Der Luolmar öffnete den Mund, doch der Fleutar war schneller: „Wären Sie so freundlich, Sicherheitsmann Narbatur, den Begriff Kontakt genauer zu definieren?“
„Nein“, grollte Narjanka, bevor Narbatur nun etwas sagen konnte. „Beantworte die Frage, F…“
Narbatur ahnte, dass sein Kollege so etwas wie Fettklops sagen wollte, und trat ihm wenig unauffällig auf den Fuß. Der Hakhasu brummte kurz auf und schloss den Mund.
Taugrom warf seinem Berater einen Blick zu, der zögerlich nickte.
„Ja, wir hatten mal ein kleines Techtelmechtel.“
Narbatur verdrängte die wenig erfreulichen Bilder, die dies in seinem Kopfkino auf die Leinwand zauberte und konzentrierte sich darauf, die nächste Frage zu stellen: „Die Befragung der Dame hat ergeben, dass Sie auch eine Geschäftbeziehung mit ihr hatten?“
„Ich bezahle nie für …“, setzte der Luolmar an, aber der Fleutar unterbrach ihn erneut: „Ich nehme an, Sie haben eine vom Sicherheitsjustiziar beglaubigte Abschrift der Aussage vorliegen, wie nach Paragraph …“
Narbaturs Lächeln wurde etwas breiter. Endlich zahlte sich das Büffeln bis spät in die Nacht aus. „Bedaure“, unterbrach er den Redefluss des Advokaten. „Die Befragung ist Teil einer laufenden Ermittlung und darum vorerst nicht einsehbar.“ Er dachte kurz nach und schlug dem Fleutar dann die entsprechenden Paragraphen der Dienstordnung um die Ohren.
Es zeigte Wirkung, denn der Fleutar hob eine Hand und der riesige Importeur antwortete: „Nein.“
„Dann haben Sie ihr keine Drogen verkauft?“
„Was? Nein! Drogen? So ein Unfug!“, brauste er auf und hob dabei sogar den Oberkörper ein Stück von der Stütze. Narbatur glaubte ihm kein Wort.
„Dann macht es Ihnen ja sicher nichts aus, wenn wir Sie auf der Zentrale einer psigestützten Befragung unterziehen?“
„Sie haben natürlich eine entsprechende Vorladung?“, fragte der Advokat spitz.
„Wir haben einen ausreichenden Verdacht“, schoss Narbatur zurück.
„Der sich auf die Aussage zuvor erwähnter Sherin Njestowska beruft, nehme ich an? In diesem Fall weise ich Sie darauf hin, dass ich als Rechtsberater des nunmehr einer Straftat Verdächtigten Recht auf Einsicht in vor Kurzem strittig diskutierte Aussage der Verdächtigen nehmen darf, da sie gegebenenfalls als Verleumdung eine Gegenklage verlangt, gemäß …“ Es folgte eine weitere unendlich erscheinende Auflistung von Gesetzesverweisen.
„Sag Bescheid, wenn ich ihn umhauen soll!“, grollte Narjanka und das Leder seiner Handschuhe knirschte. Langsam wurde auch Narbatur gereizt. „Die Aussage der Frau ist psionisch erfasst, damit unstrittig.“ Kaum hatte er es gesagt, fiel ihm sein Fehler auf.
„Dann ist dies der Moment, in dem Sie mir die Bestätigung der psionischen Lesung durch den Oberbeauftragten Adamants für psionische Befragungen vorlegen?“, fragte der Fleutar mit einem selbstsicheren Lächeln.
Narbatur seufzte leise. Der Mistkerl wusste natürlich, dass er diese Bestätigung erst dann erhalten würde, wenn er eine Anklage formulierte, und die konnte er erst schreiben, wenn er wusste, was er Taugrom vorwerfen konnte. Bisher hatten sie lediglich ein bisschen Dealerei, was sich zudem auf eine Zeugin stützte, die selbst Drogen nahm und deren Erinnerungen darum vor dem Richter leicht in Zweifel gezogen werden konnten.
„Das bedeutet also, Sie sind nicht bereit, uns einige Fragen zu beantworten?“, fragte er ohne große Hoffnung.
„Mein Klient hat Ihre Fragen wahrheitsgemäß beantwortet und wird es auch mit jeder weiteren Frage, die seine garantierten Speziesrechte nicht infragestellt, gerne tun.“
Narbatur musterte die beiden Männer kurz, die wie die zwei Extreme der Ernährungspyramide wirkten, und nickte dann resignierend.
„Gehen wir, Kollege“, sagte er und drehte sich um.
„Aber …“, wandte Narjanka ein und hob anklagend die Hand. Narbatur schüttelte den Kopf.
„Das ist noch nicht vorbei“, grollte der Hakhasu zu dem ungleichen Paar hinüber und stapfte dann hinter dem Menschen her.
„Ihnen auch einen schönen Tag“, sagte der Advokat eben noch hörbar.
Dich kriege ich auch noch, du Rechtsverdreher, versprach Narbatur ihm in Gedanken.
Sareil verschwendete keine Zeit. Die Bombe in Girbals Gepäck klickte auf 18.
Er gab seinem Roboterkörper den Befehl, das Werkzeugfach zu öffnen, aber obwohl die Verriegelung sich öffnete, blieb die Klappe zu.
Klick – 17
Sareil rammte die Finger zwischen in den kleinen Spalt, der sich gebildet hatte. Das Antigrav-Motorrad des Meuchlers hatte den Verschluss verkantet.
Klick – 16
Er zog, bis die Halterung brach und er an sein Werkzeug kam. Während seine Finger blind nach den richtigen Geräten suchten …
Klick – 15
… bückte er sich, um die Bombe zu betrachten. Sie war mit einer großzügigen Portion Industriekleber an der Wand der Messingkugel befestigt.
Klick – 14
Drähte liefen in die bereits ausgehärtete Masse – er konnte die Bombe also nicht einfach rausreißen.
Klick – 13
Und im Innern der Bombe befand sich ein Erschütterungssensor. Er konnte den Koffer also auch nicht einfach wegtragen.
Klick – 12
Also musste er sie entschärfen. Er lehnte sich vor und hob einen Scanner an, der ihm das innere der Bombe zeigen sollte.
Klick – 11
Der Bildschirm zeigte nur schwarze Umrisse. Das Ding war abgeschirmt.
Klick – 10
Sareil ließ den Scanner fallen und setzte den Schrauber an die Deckplatte an, um erst die beiden Schrauben auf der einen …
Klick – 9
… und dann auf der anderen Seite zu lösen.
Klick – 8
Er hatte keine Zeit, nach Fallen zu suchen, also zog er die Platte weg und sah auf die Verkabelung. Sein Blick folgte den Wegen der Energie, suchte den Schwachpunkt.
Klick – 7
Und suchte.
Klick – 6
Und suchte.
Klick – 5
Und fand keinen. Diese Bombe war ein echtes Meisterstück. Dann fiel es ihm auf …
Klick – 4
Die Batterie war zugänglich. Wo sie eigentlich von einer eigenen Abdeckung geschützt werden sollte, ragten leere Steckstifte auf. Für alles Raffinierte war die Zeit zu kurz. Er packte die Batterie …
Klick – 3
… und riss sie heraus. Dabei schlug ein Funke zwischen dem kleinen Würfel und der Elektronik der Bombe über.
Klick – Klick – Klick.
Die Bombe explodierte in einem gewaltigen Feuerball.

